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„Der schläft in der Pendeluhr!“

Sie kennen wahrscheinlich das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein. Das kleinste überlebt, weil es der böse Wolf in der großen Standuhr, wo es sogar einschläft, nicht finden und fressen kann, und rettet darauf seine Geschwister.

Was im Märchen positiv gemeint ist, drückt in der Redensart Kritik aus: Kritik an der Haltung, die sich irgendwo seelenruhig zurückzieht und dabei gar nicht mehr mitbekommt, was sich außerhalb, in der wirklichen Welt, tut.

Das Geschehen geht spurlos an dem vorbei, der „in der Pendeluhr schläft“.

Die Frage, die das Evangelium heute an uns stellt: Sind wir, oder doch manche Mitglieder der Kirche, der Amtskirche und auch viele gute Christen, nicht manchmal in der Gefahr, in der Pendeluhr einzuschlafen? In der Vergangenheit haben sich immer wieder kirchliche Kreise und Gruppen zurückgezogen, in die Innerlichkeit, in ein katholisches Milieu… in die heimelige Atmosphäre einer Pfarrgemeinde, … auch gegenwärtig ist das immer wieder einmal wo zu beobachten. Abkapselung von der Welt – oft große Glaubenskraft, die wir auch bewundern, aber doch wirken solche quietistisch angehauchte Menschen etwas seltsam auf uns.

Religion ist Privatsache – diese Meinung ist immer wieder zu hören.

Es kann sein, dass irgendeine Glaubenshaltung privat sein kann – christlich ist diese Einstellung jedenfalls nicht.

Und Jesus sagt uns ganz etwas anderes:

Die Ernte ist groß.

Zur Zeit der Abfassung des Evangeliums war das Endgericht gemeint, das man für die baldige Zukunft erwartete, für das die ersten Christen möglichst schnell viele Menschen für Gott gewinnen zu sollen glaubten.

Aber es stimmt auch für unsere Zeit, dass der Hunger und Durst der Menschen gewaltig ist – nach Gotteserfahrung, nach heilem, gelungenem Leben, nach Orten, wo mystische Erfahrung gemacht werden und Gottes Nähe und gute menschliche Gemeinschaft gespürt werden kann.

Unzählige wenden sich Angeboten der New Age-Szene zu: Meditation, verschiedene Heilmethoden, Gebetsformen, antike Kultformen, alles was irgendwie einen mystischen oder geheimnisvollen Klang hat, wird ausprobiert und zieht viele an.

Wir sollten angesichts dieser Tatsache nicht schimpfen oder verzagt sein, sondern und freuen, dass viele auf der Suche sind.

Wir sollten uns aber auch nicht verstecken mit dem, was wir Christen in der katholischen Kirche zu bieten haben. Das meiste, was in der spirituellen „Szene“ angepriesen wird, haben wir schon lange und schon längst, gehörte zeitweise und an manchen Orten zur christlichen Lebenskultur…

Ja: Gar nicht wenig haben sich neue religiöse Bewegungen von der Kirche mit ihrer langen und reichen Tradition abgeschaut.

Umgekehrt können wir leicht feststellen: Wo es christliche Angebote gibt, zeigt es sich ganz deutlich, dass suchende Menschen sie gern, ja freudig und begeistert annehmen.

Viele Exerzitien und Glaubenskurse, Bibelwanderwochen sind ausgebucht, ebenso das Gästehaus des Europaklosters bis Dezember…

Fragen wir uns: Weiß die Menschheit, dass wir Christen etwas zu bieten haben?

Ja, viele erwarten nichts Gutes mehr von der Kirche, weil sie im Lauf ihrer Geschichte zu oft wie Wölfe unter die Schafe gekommen ist, bei der Missionierung Lateinamerikas z. B. oder in Australien, wo es auch eher um wirtschaftliche und politische Interessen ging als um echte Bekehrung und wo die Ureinwohner als Menschen mindestens 3. Qualität behandelt wurden und fast ausgerottet mitsamt ihrer Kultur…

Aber jetzt und bei uns ist Kirche ganz normal und von Herrschaftsanspruch kann keine Rede sein.

Also: Wissen die Menschen, die in unserem Stadtteil leben, dass in unserer Pfarre das Heil zu finden ist? Wissen unsere Nachbarn, Arbeitskollegen und Vereinsfreunde…, dass Gott selber, Jesus Christus bei mir anzutreffen ist, weil er jeden glaubenden getauften Christen als Bruder begleitet?

Ist diese wunderbare Wirklichkeit uns anzumerken?

U

5. Seminartag, 23. 10. 2024

Standesdünkel

Gibt es heutzutage nicht mehr … Leider doch.

Er schaut nur anders aus als vielleicht vor 50 oder 100 Jahren.

Deine Herkunftsfamilie gehörte einer bestimmten Gesellschaftsschicht an. Es kann sein, dass du ähnliches erlebt hast wie ich:

Als Schulkind freundete ich mich mit einer Mitschülerin an, die mich auch bald zu sich nach Hause einlud. Natürlich fragte ich meine Mutter, ob ich am übernächsten Nachmittag zu Astrid gehen dürfe – außerdem musste ich nach dem Weg fragen, in dieser Wohngegend war ich nämlich noch nie gewesen. Meine Mutter hatte etwas dagegen. „Nein wirklich, muss das sein?“ meinte sie, mittelstark entsetzt. Die Familie von Astrid wohnte in einer Gegend, wo nach Meinung meiner Mutter „anständige Bürger nicht hingehen“.

Allerdings: Meine Mama kannte mich gut genug, um es mir nicht ausdrücklich zu verbieten. Der Nachmittag war lustig, ich lernte neue Spiele kennen. Das WC war am Gang, Bad innerhalb der Wohnung gab es keines, auch kein fließendes Wasser. Substandardwohnung nannte man das damals.

Du merkst es wahrscheinlich gar nicht: Aber es gibt Menschen, mit denen du von dir aus nicht sprichst. Du hältst es für so normal, dass du nicht weiter darüber nachdenkst.

Es kann auch sein, dass du VertreterInnen einer bestimmten Weltanschauung oder Religion links liegen lässt. Du hast kein Bedürfnis, sie näher kennenzulernen, auch wenn sie deine KollegInnen, MitstudentInnen, Vereinsmitglieder etc. sind.

Solche Einteilungen können sein:

ArbeiterIn

AkademikerIn

Alternativ

Ländliches Milieu

Gehobenes Milieu (LeserInnen der „Presse“, Friseurfrisur, V-Pullover, Anzug, Krawatte, Kostüm, Kleid …)

„Halbstarke“ (Tätowierung, Piercing, schwarz gekleidet, schwerer Schmuck, Motorrad …)

Biedermeier (Häuschen, Vorgarten, 40Stunden-Woche, Wochenende grillen, nur private Interessen)

Abgesandelt (ungepflegt, ohne feste Lebens- oder Tagesstruktur)

Naturfreaks

Extrem reich

Alter Adel (den es laut Gesetz nicht mehr gibt)

Migranten, denen man dies ansieht

Ich habe jetzt 12 Möglichkeiten, Menschen einzuteilen, aufgezählt. Es dürfte mehr geben …

D. h., wenn du einer dieser Gruppen angehörst und von vornherein ausschließt, mit den weiteren Gruppen etwas zu tun zu haben, nimmst du dir 11 Möglichkeiten, wunderbare Menschen, FreundInnen, GesprächspartnerInnen, HelferInnen, … kennenzulernen – und von ihnen zu lernen, wie das Leben sonst noch gelebt werden kann, wie jemand auf

Arten glücklich werden kann, die du – leider – niemals in Erfahrung bringen wirst…

Die heutige Übung: Denk darüber 5 Minuten nach.

Dann: Such dir eine Person aus einer dir fernstehenden Bevölkerungsgruppe (mit der du bisher freiwillig nie etwas zu tun hattest) und komme mit ihr ins Gespräch, schließ Bekanntschaft …!