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Vor ein paar Tagen habe ich folgendes Buch fertiggelesen: “Die Stille der Frauen” von Pat Barker.

Der Stoff der Ilias, erzählt aus der Sicht der Briseis. Höchst spannend! Ich habe das Buch kaum aus der Hand gelegt. Natürlich: düster, traurig … außerdem weiß man, wie die Geschichte ausgeht.

Besondere Erkenntnis: Die Menschen damals bzw. die Figuren im Buch beten oft. Briseis’ Kommentar: Aber die Götter hören nicht, sie hören nicht auf einfache Menschen, sie erhören niemals die Gebete von Sklaven …

Ein immenses Glück, in der Tradition der Bibel aufgewachsen zu sein! Gott hört nicht auf die Gebete von Sklaven?

Ich weiß etwas anderes:

“Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen …” Ex 3,7-8a

Das Buch gibt es z. B. bei Thalia, Libro und in jedem guten Buchgeschäft.

Predigt 4. 7. 2021

Liebe Brüder und Schwestern!

Bestimmt haben Sie den einen oder anderen Film gesehen, in den 70er-Jahren waren die sehr beliebt, wo Jesus wieder auf die Erde kommt – in Montreal z. B. Fast niemand interessiert sich für ihn. Nur ein junges Ehepaar, das ihn aufnimmt. Seiner Botschaft hören nur wenige zu – am allerwenigsten glauben ihm die kirchlichen Amtsträger, dass er der Sohn Gottes ist.

Was den Mensch zu nahe ist, ist ihnen nichts Besonderes.

In der Kirche gibt es die Versuchung, alle, die de Frohe Botschaft verkünden, möglichst abgehoben von der Wirklichkeit, fremd, fast unwirklich darzustellen, zu stilisieren – damit Menschen den Inhalt des Verkündeten nicht als gewöhnlich oder alltäglich abtun.

Diese Vorgangsweise ist zwar verständlich, aber sie deckt sich nicht mit dem Evangelium.

Jesus war nicht abgehoben von der Wirklichkeit. Er war heilig. Er betete viel, intensiv, trat mit Vollmacht auf, heilte…

Paulus war nicht abgehoben von der Wirklichkeit – Krankheit, lebte von seiner Hände Arbeit… Petrus war nicht abgehoben, mit seiner Ehefrau unterwegs – freundliche normale Menschen.

Die Kraft Gottes kommt in der menschlichen Schwachheit zum Ausdruck.

Das Evangelium ist auch keine esoterische abgehobene Lehre, die nur Insider, besonders Gebildete o. ä. verstehen könnten oder erfahren dürften  – wo so etwas praktiziert wird, ist Vorsicht geboten – Engelwerk, wo nicht jeder alles wissen darf…– leider wurde jahrhundertelang dieser Eindruck erweckt, auch durch die Abgehobenheit der Amtsträger.

Gerade im Mönchtum und dann in den letzten Jahrzehnten wieder die Arbeiterpriester und neuen Frauenorden teilten das Leben gewöhnlicher Menschen, Arbeit, …

Gaben der Kirche, der Botschaft Jesu, Glaubwürdigkeit zurück.

Jesus – oder vielleicht können wir sagen: Gott selber – nehmen das volle Risiko in Kauf: die Gefahr, dass das, was gewöhnlich alltäglich normal daherkommt, nicht ernst genommen wird, nicht als wichtig gilt.

Es gilt, die Blickrichtung zu ändern.

Gott ist im letzten Kaff am Rande der Welt in einer Handwerkerfamilie Mensch geworden, aufgewachsen unter einer Reihe von Geschwistern, weil es jederzeit so ist, dass Gott in jedem Geringsten anwesend ist.

Ich habe vor ein paar Wochen ein Buch gelesen, da geht es um die alte Geschichte ob heute noch leibliche Nachkommen von Jesus aus einer Ehe mit Maria Magdalena leben und dass die etwas Besonderes sind …

Der wahrscheinlich meiner Meinung nach wichtigste und christlichste Satz aus diesem Buch lautet: Wenn es auch der bettelnde Straßensänger sein kann oder vielleicht die Frau aus dem Altersheim, die gerade mit dem Rollator durch den Garten geht oder das Kind auf dem Weg in die Schule – dann kann es eigentlich jeder sein, dann kann man nicht wissen, ob der Mensch, der einem gerade gegenübersteht, ein Nachkomme, eine Nachkommin ist –

Liebe Brüder und Schwestern: Und dann können wir nicht anders, als jede und jeden noch so unscheinbaren als das zu sehen und jeder Person so zu begegnen, als das, was sie ist: direkt von Gott auf diese Erde gekommen und mit ihm verbunden … einzigartiger Anwesenheitsort der göttlichen Herrlichkeit.

Sensationell, finden Sie nicht?

Viele erwarten von der Kirche oder von der Botschaft Jesu gar nichts mehr, zumindest nicht, dass es da das Heil und Glück gibt.

Das ganze kirchliche Brauchtum ist so normal, selbstverständlich geworden, ja es hat sich sogar verselbständigt – wie viele feiern Weihnachten oder suchen Ostereier ohne eine Ahnung zu haben vom religiösen Hintergrund? Oder wollen eine kirchliche Hochzeit …Aber auch praktizierende haben ihre frommen Übungen – Ohne Konsequenzen, ohne Lebensrelevanz, Bezug zum Leben …

Aber Christ zu sein, das Evangelium ernst zu nehmen, HAT Konsequenzen.

Es geht beim Christentum um – ja, um was eigentlich?

Dass alle an Gott glauben und ihn verehren?

Das machen alle anderen Religionen auch …

Im Christentum geht es darum, dass Gott höchstpersönlich möchte, dass Menschen glücklich sind. Glücklich werden und dauerhaft bleiben …

Dass es Lösungen gibt für die Schwierigkeiten des Lebens, der Welt. Bei Unfrieden und Streit, bei Krankheit und Not, bei Mutlosigkeit und Verlust der Lebensfreude, auch bei Klimawandel und Weltwirtschaftskrise und Pandemie: gibt es was.

Jesus predigt in Nazareth grade vor der heutigen Evangeliumsstelle: Ich bin gekommen, den Armen eine frohe Botschaft zu bringen, den Blinden das Augenlicht, die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen …ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen (Versöhnung und Lebensschancen für alle).

Das haben Jesu ehemalige Sandkistenfreunde und Schulkameraden nicht glauben können.

Es käme darauf an, dass wir, das glauben können. Uns Gott, Jesus anvertrauen und darauf erwarten, dass das Beste geschieht. Dass wir Wege gezeigt bekommen. Handlungsmöglichkeiten, die zum Guten führen.

Gott wird verehrt, indem wir das, was er/sie zu bieten hat, in Anspruch nehmen!

Probieren wir doch einfach, wie es sich anfühlt, wenn wir das tun.

Predigt                                          Weißer Sonntag, 10. 4. 2021 Pucking

Liebe Brüder und Schwestern!

Selig, die nicht sehen und doch glauben.

Der Satz ist so oft gesagt worden, und wir haben ihn, vermute ich, so oft gehört, dass wir gar nicht mehr drüber nachdenken, was er eigentlich bedeutet.

(Denn, und das behaupte ich hier und heute: Aus dem Zusammenhang gerissen und falsch vermittelt ist er absolut verkehrt.)

Zuerst müssen wir fragen: an wen richten sich diese Worte? – An die Apostel jedenfalls nicht, denn die haben Jesus sehr wohl gesehen, live erlebt, wie es bei uns heißt, vor dem Tod und nach seiner Auferstehung.

Die Worte richten sich an die Leser- und Hörerschaft des Evangeliums, an die nachgeborenen, die Jesus als er in Israel lehrte und heilte, nicht begegnet sind. Die, denen das Evangelium verkündet wird vom Jahr 38 nach Christus bis zum Weltende. Das „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ richtet sich – z. B. – an uns.

Was ist das überhaupt: „glauben“?

Glaube hat die Dimension des Fürwahrhaltens – es gibt ein Glaubenswissen. Die Aussage des Evangeliums: Jesus ist Gott in Person und von den Toten auferstanden“ können wir nur glauben – oder eben nicht.

Was im Glaubensbekenntnis aufgezählt wird.

Glauben hat aber auch die Dimension des Vertrauens. Das hat was mit Liebe zu tun, mit Gefühl und einem persönlichen Naheverhältnis. Wenn wir jemandem Vertrauen schenken, dann haben wir, wenn wir gesund und normal und vernunftbegabt sind, in der Regel allen Grund dazu.

Liebe Brüder und Schwestern, Jesus verlangt in keiner Weise von uns einen blinden Glauben. Ins Blaue hinein.

Im Gegenteil.

Wir Christen haben den Vorteil, dass wir unserem Religionsgründer jederzeit und überall begegnen können. Das Problem ist, dass wir ihn hier in dieser Dimension nicht SEHEN können – und deswegen sind wir selig, wenn wir es trotzdem versuchen und für möglich halten, dass der direkte Kontakt möglich ist.

Glaube ist für Christen lebendige Beziehung mit Christus. Ja, es kommt etwas zurück – da können wir uns bei den großen Mystikern und Mystikerinnen der Kirchengeschichte vergewissern, was und wie viel.

Und Christentum bedeutet noch mehr: Das Zentrum des heutigen Evangeliums sind die Worte, die Thomas zum Schluss sagt: „Mein Herr und mein Gott!“ Das ist ein Glaubensbekenntnis.

Christ sein heißt, Jesus als Herrn zu übernehmen.

Meinungen anderer Menschen, Systeme, Herrscherfiguren, Chefs, wer oder was auch immer – sind nicht die letzte Instanz über uns.

Es bedeutet, mich in allem nach ihm, Jesus, zu richten, nach seiner Meinung zu fragen, mit ihm mich austauschen über die Themen und alle Belange meines Lebens.

Christ sein bedeutet, zu diesem Herrn zu stehen, komme, was da wolle. Dann stellt sich die Frage nicht, ob ich am Sonntag in den Gottesdienst gehe – er lädt mich zu seiner Party – Auferstehungsparty – ein. Wie könnte ich da weg bleiben? Es stellt sich die Frage nicht, ob und wie ich bete – weil es unvorstellbar ist, mit jemandem, mit dem ich das Leben teile, nicht regelmäßig zu reden.

Es stellt sich die Frage nicht, ob ich die 10 Gebote einhalte oder mich nach dem Katechismus richte – denn wenn mir Jesus so wichtig ist, dann geht es doch gar nicht anders als ständig zu fragen was er dazu sagt … wenn ich jemanden liebe, werde ich dann machen, was den bestimmt kränken wird? … na eben.

Ja, und ich werde merken, spüren, dass Jesus wirklich da ist.

Er ist lebendige Person und zeigt mir ständig, wie gern er mich hat. Dinge gelingen. Sogenannte „Zufälle“ ereignen sich. Hass und Ärger verflüchtigen sich, Versöhnung, Friede wird möglich. Heilung geschieht. Ich weiß, was ich wissen muss, im richtigen Moment. Freude an der Arbeit, Verantwortungsbewusstsein, Pflichtgefühl. Sinn.

Plötzlich alles da.

Karl Rahner hat gesagt: Der Christ des 21. Jahrhunderts wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.

Der christliche Glaube ist dem Wesen nach kein Lehrsatzgebäude, sondern eine Erfahrungsreligion. Nicht ohne Grund wurden wir zu Beginn „Anhänger des neuen Weges“ genannt.

Glaube(n) ist ein Prozess. Machen wir es wie Thomas: Probieren wir aus, treten wir in Kontakt!

Du selbst – und niemand sonst! – bist der/die Experte/in deines Lebens, für deinen Lebens- und Glaubensweg.

Nichts und niemand, weder die heiligste Lehre noch die erhabenste Erfahrung eines heiligen Menschen noch die oberste irdische religiöse Instanz kann mir und dir die Entscheidung abnehmen, kann es mir und dir abnehmen, das Leben zu leben.

Wir, jede/r von uns, sitzt an der Quelle. Direkter Kontakt zu Gott ist unser Geburtsrecht und Merkmal als Menschen. Wir dürfen wie Thomas diesen unmittelbaren Kontakt einfordern!

Probieren wir es aus!

Liebe Brüder und Schwestern!

Wieso schickt uns Gott diese Pandemie? Warum beendet er sie nicht? Womit haben wir diese Strafe verdient? …

Warum hilft Gott heute nicht und heilt mich/ den jungen Familienvater/ usw. … nicht? Warum straft mich Gott so? Was habe ich getan?

Im Krankenhaus hört man immer noch, immer wieder diese Anklage, diesen Aufschrei, auch in den Medien – wie kann Gott, der uns angeblich liebt, das zulassen, wieso greift Gott nicht ein …?

Und die ganzen Verbrecher usw. laufen gesund und munter in der Weltgeschichte herum …

Das tun die tatsächlich. Und das allein müsste schon Beweis genug dafür sein, dass es sich bei Krankheit, Schicksalsschlägen, Naturkatastrophen, u. dergleichen nicht um himmlische Strafen handeln kann.

Natürlich kann es sein, dass Menschen in ihrer Gier und Beschränktheit Umweltschäden verursachen, die zu Naturkatastrophen führen können – denken wir an das Abholzen vieler Berghänge, wo dann Lawinen freie Bahn haben, oder die Luftverschmutzung in Großstädten, wo Menschen Schaden nehmen., wo das Öl eines Tankschiffes ausläuft oder die Erderwärmung – Klimawandel durch Co2-Ausstoß …

Wir wissen auch, dass Menschen so unvernünftig leben, dass sie davon ernsthaft krank werden. Zivilisationskrankheiten, …

Aber es bleibt vieles unerklärbar und ungeheuerlich. Gerade bei Corona.

Als glaubende Menschen fragen wir zu Recht: wo bleibt da der gütige, allmächtige Gott?

Ijob, der Gerechte, von dessen Geschichte wir ein Stück in der Lesung gehört haben, hatte genau diese Sichtweise: Ich bin rechtschaffen und gottesfürchtig, und darum geht es mir gut.

Das AT meint: nein, die Rechnung geht so nicht auf.

Der reiche, hochangesehene, vitale, mit glücklicher Familie Gesegnete verliert alles. Die Freunde und Nachbarn haben genau dieses Gottesverständnis und wollen Ijob einreden: Du musst etwas falsch gemacht haben, irgendeinen Frevel, eine Sünde muss es in deinem Leben geben, sonst hätte dir Gott dieses Unglück nicht geschickt.

Ijob widerspricht ihnen und hadert mit Gott, er schreit ihm seine Not und Anklage entgegen, ungebremst. Die Freunde wenden sich ab – Ijob halten sie für einen Gotteslästerer, als dieser ihn grausames Ungeheuer nennt.

Aber Ijob macht es richtig: er redet nicht mehr über Gott, sondern mit ihm. Er steigt aus dem Belohnungs- Bestrafungsmuster aus, er meint Gott persönlich, DU, eine Antwort will er haben, und die bekommt er auch. Vom Hörensagen hatte ich von dir vernommen – nun aber hat mein Auge dich geschaut.

Gott rechtfertigt den Ijob zum Schluss: Der da, mein Knecht, hat recht von mir gesprochen. Und die anderen alle nicht, die ach so wohlmeinenden frommen Freunde und Berater.

Ich bin davon überzeugt, dass Gott anwesend ist in unserer Welt.

Aber er hat uns in die Freiheit entlassen. Er hält uns nicht am Gängelband, eben gerade nicht – so dass wir bei jede Fehlverhalten sofort eins auf die Finger bekommen.

Es ist auch etwas in Vergessenheit geraten, das in vergangenen Jahrhunderten überbetont wurde. Dieses Leben hier ist nicht die einzige Wirklichkeit.

Wir sind zum Lernen, uns Entwickeln auf der Welt, wir dürfen im besten Fall Gott kennen und lieben lernen.

Und Gott hat uns auch in die Freiheit der Naturgesetze entlassen, uns dem Geschehen überlassen, mit Hirn und Fähigkeiten ausgestattet.

Wenn es überhaupt nichts zu tun gäbe, keine Schwierigkeiten, wo wir uns wirklich einsetzen müssen, wo eben vieles nicht problemlos verläuft – wir würden vielleicht vergessen, dass das Sichtbare nicht alles ist.

Und: Gott hat uns nicht vergessen. Er ist in Rufnähe.

Aber weil wir frei sind, gilt folgendes:

Nur, wenn wir uns an ihn wenden, tut er etwas, greift ein. Gott lässt sich ansprechen.

Gott interessiert sich für uns, liebt uns über alles. Ja, er spricht Menschen von sich aus an. Aber Gott sitzt nicht gluckenhaft auf uns drauf, sondern traut uns etwas zu. Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Erfindungsgeist, Selbständigkeit … Freiheit.

Aber ein Zweck- und Nutzverhältnis wird ihm nicht gerecht. Und uns auch nicht. Ich bin brav und ordentlich und bete regelmäßig, spende usw, … und deswegen habe ich bei Gott etwas gut, deswegen ist er verpflichtet, zu tun, worum ich bitte – nein, so nicht. Mit der Gottesvorstellung des griechisch-römischen antiken Götterhimmels hat der lebendige Gott der Bibel so gut wie nichts zu tun.

Gott möchte, bittet um unsere Freundschaft. Er ist uns Freund. Alles, was uns unglücklich macht, wird er beseitigen helfen. Und alles, was uns wirklich im tiefsten glücklich macht, wird er uns schenken.

Daran glaube ich.

Wir sind eingeladen, darüber ernsthaft nachzudenken.

Sich Zeit nehmen, abgeschieden vom Alltag.

Ohne Einflüsse von außen.

Sorgen wegschieben, Lärm ausschalten, Störendes ausblenden.

Ob das geht?

Versuchen lohnt sich. Das Wesentliche tritt zutage. Nur so.

Die Wurzeln, Fundamente.

Des Glaubens, des Christseins, der Pfarre, …

der eigenen Persönlichkeit.

Angehen wollen wir es am 143. und 14. November in der Pfarre Pucking.

Denkt über diese Möglichkeit nach – und probiert es aus.

Heute gibt es wieder eine Bibelstelle, in der jemand geheilt wird. Ein Gelähmter kann wieder gehen. Es ist eine der bekanntesten Begebenheiten im Evangelium überhaupt; und doch verschwindet es meistens aus unserem Blick, dass vor der körperlichen Heilung die seelische erfolgt.

„Deine Sünden sind dir vergeben“.

Alles, was in der Vergangenheit an Erstarrung, an Lähmung, an Einengung, an Fixierung geschehen ist – durch fremde und eigene Entscheidungen, durch das Umfeld, die Systeme, in denen wir leben.

Wo Gefühle immer eindimensionaler geworden sind, wo es scheinbar keinen Ausweg gibt.

Dies alles hebt Jesus auf mit einem Blick, mit einem Wort.

Einfach, damit dieser Mensch wieder glücklich und frei sein kann.

Welche Lähmung, Erstarrung, krankmachende Festlegung ist es, von der mich Jesus befreien, er-lösen soll?

Wie werde ich leben, wie sieht mein Leben aus, wenn ich frei bin?

Lk 5, 17-36

 17 Und es geschah eines Tages, als Jesus lehrte, saßen Pharisäer und Gesetzeslehrer dabei; sie waren aus allen Dörfern Galiläas und Judäas und aus Jerusalem gekommen. Und die Kraft des Herrn war mit ihm, sodass er heilen konnte. 18 Und siehe, Männer brachten auf seinem Bett einen Menschen, der gelähmt war. Sie wollten ihn ins Haus bringen und vor Jesus hinlegen. 19 Weil es ihnen aber wegen der Volksmenge nicht möglich war, ihn hineinzubringen, stiegen sie aufs Dach und ließen ihn durch die Ziegel auf dem Bett hinunter in die Mitte vor Jesus hin. 20 Als er ihren Glauben sah, sagte er: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben. 21 Und die Schriftgelehrten und die Pharisäer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? 22 Jesus aber erkannte ihre Gedanken und erwiderte ihnen: Was überlegt ihr in euren Herzen? 23 Was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben! oder zu sagen: Steh auf und geh umher? 24 Damit ihr aber erkennt, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus! 25 Und sogleich stand er vor ihren Augen auf, nahm das Bett, auf dem er gelegen hatte, und ging Gott preisend in sein Haus. 26 Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten voller Furcht: Heute haben wir Unglaubliches gesehen.

Ein Text von Teresa von Avila (wenn ihr nicht wisst, wer das ist, einfach googeln…)

Eine innerkirchliche Ermahnung, die auch heute gilt.

“Herr meiner Seele! Als Du noch in dieser Welt wandeltest, hast Du den Frauen immer Deine besondere Zuneigung bewiesen. Fandest Du doch in ihnen nicht weniger Liebe und Glauben als bei den Männern.

… ich werfe unserer Zeit vor, daß sie starke und zu allem Guten begabte Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt.”

Literaturangabe: Teresa von Avila: “Ich bin ein Weib – und obendrein kein gutes. ” Ein Portrait der Heiligen in ihren Texten. Freiburg im Breisgau 6. Aufl. 1989, St. 34.

Predigt                                                          

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

In den letzten Wochen haben sich 2  Gespräche mit Bekannten ergeben über den Tod und das Sterben.

Eine Dame hat über die Lektüre eines Buches gesprochen, in dem eine Mutter schreibt, wie sie mit der Trauer über den plötzlichen Tod eines Kindes umgeht. In diesem Buch hat sie mehrere Male (sinngemäß) gelesen: Man weiß ja nicht, was ist – es war so schrecklich, ich wollte Gewissheit, einen Hinweis, wie es ihm geht … Die Autorin sucht eine Frau auf, die Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen verspricht, um diese Gewissheit zu bekommen.

Und vor ein paar Tagen sagt eine eigentlich gläubige Frau, Kirchgeherin: Man weiß ja nicht, was dann ist, ob und wie es weitergeht …

 

Liebe Schwestern und Brüder: Wir könnten es wissen.

Die Frage nach dem ewigen Leben ist eine zentrale, wenn nicht die zentrale Frage in allen Religionen – und im Christentum erst recht – wir sind die einzige Religion, die ein Vorbild hat, der „drüben“ war und zurückgekommen ist.

 

Zu Allerseelen, dem Gedenktag aller Verstorbenen, ist es angebracht, 2 oder sogar drei Problembereiche auseinanderzuhalten:

  1. was passiert im Sterben, was ist danach? Und
  2. Wie gehe ich als Trauernde/r mit dem Verlust eines Nahestehenden, geliebten Mitmenschen um? Und
  3. Wie verhalte ich mich, wie gestalte ich mein Leben glücklich und sinnvoll mit meinem eigenen Tod vor Augen?

 

Das heutige Evangelium zeigt einen Weg, der vielleicht überrascht, aber sehr nahe liegend ist.

Ich denke mir: Manchmal wäre ich gern an der Stelle Martas – ich würde gern mit Jesus über den Tod reden.

Es ist ein Gespräch, wo beide einander ernst nehmen. Klartext. Keine Ausflüchte. Offene Begegnung.

Und dieses Gespräch hilft – Jesus trauert ja selbst – Marta ist getröstet, bevor Jesus ihren Bruder wieder aus der Grabhöhle heraus und ins Leben zurückruft.

 

Liebe Brüder und Schwestern: Wir sind an Martas Stelle. Es ist kein Problem, mit Jesus zu reden – über den Tod, aber auch über das Leben und über Gott und die Welt – einfach über alles.

Die Freundschaftsbeziehung – Jesus möchte nichts lieber als mit uns eine haben wie mit Marta und ihren Geschwistern.

Wenn einer der unseren uns im Tod verlässt, dann trauert unser Freund Jesus mit uns – auch wenn wir meinen er käme zu spät, weil wir gern die Heilung eines Kranken lieber erleben würden als sein Sterben.

Wenn Lebensträume zerstört werden, auch menschliche Katastrophen wie Trennung, Scheitern von Beziehung, von Arbeit und Einsatz – Verlust der Heimat z. B. wirken sich psychisch wie der Tod eines Familienmitglieds aus – , dann sind wir immer eingeladen uns damit zu beschäftigen, wer wir im Grunde sind, uns und unseren Lebenssinn neu zu definieren.

 

Glücklich sind wir, wenn wir in solchen Zeiten nicht nur auf menschliche Freunde, die einen auffangen, sondern auch auf die schon bestehende Beziehung mit Jesus, mit Gott zurückgreifen können. Wenn wir spüren: wir sind nicht allein und im Stich gelassen.

 

Und Jesus hat ja übrigens zu dem Verstorbenen, um den ich trauere, diese direkte Kontaktmöglichkeit, die wir nicht haben – und auch nicht anstreben sollen. Die haben eh genug mit sich selbst zu tun, wir sollen sie in Ruhe lassen.

Wir dürfen mit Jesus natürlich über die Toten reden. Er ist auch der, der ihnen “zuwi” kann, den sie brauchen.

 

Die Freundschaft mit Jesus hört mit dem Verlust alles Liebgewordenen und sogar mit unserem eigenen Tod nicht auf, sondern bekommt einen neuen Grad an Intensität, eine ganz andere Dimension: von Angesicht zu Angesicht, wie Paulus einmal schreibt.

 

 

 

Heute habe ich einen jungen Mann beerdigt, der aus der Kirche ausgetreten war, weil er nicht glauben konnte.

Dieses Gedicht von Marie Luise Kaschnitz habe ich am Grab vorgelesen:

 

Glauben Sie fragte man mich
An ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich
Keine Antwort zu geben
Wie das aussehen sollte
Wie ich selber
Aussehen sollte
Dort

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie
Von Heiligen auf goldenen Stühlen
Sitzend
Kein Niedersturz
Verdammter Seelen
Nur

Nur Liebe frei gewordene
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold
Mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnwebenleichtes Gewand
Ein Hauch
Mir um die Schultern
Liebkosung schöne Bewegung
Wie einst von tyrrhenischen Wellen …
Wortfetzen
Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt
Berg- und Talfahrt
Und deine Hand
Wieder in meiner

 

So lagen wir lasest du vor
Schlief ich ein
Wachte auf
Schlief ein

Wache auf
Deine Stimme empfängt mich
Entlässt mich und immer
So fort

Mehr also, fragen die Frager
Erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antwortete
Weniger nicht.

Eine sehr alte Dame ist verstorben.

Keine Familie, aber Nachbarn, Freunde, mit denen ich das Begräbnis vereinbare, das Leben, die Persönlichkeit bespreche.

Gläubig war sie, sogar sehr.

Aus der katholischen Kirche ausgetreten war sie, aus persönlichen Gründen.

Ein kirchliches Begräbnis? Ja, die Kirchenleitung empfiehlt dies bei allen zu tun, die darum bitten.

Eine weise Entscheidung.

Ja, sie war getauft. Jesus kennt sie, davon gehen wir aus.

Der Kirchenaustritt darf nicht verschwiegen werden.

Doch – das Reich Gottes ist nicht identisch mit der römisch-katholischen Kirche. Davon gehen wir auch aus.