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Liebe Brüder und Schwestern!

Wieder eine der bekanntesten Stellen der Bibel, weltweit und religionsübergreifend …

Das Markenzeichen von uns Christen st also die Nächstenliebe.

Da wird keiner widersprechen.

Aber geht es uns nicht ganz ähnlich wie dem frommen Pharisäer im Evangelium? Keiner der damals gläubigen Juden hätte das Gebot in Frage gestellt, den Nächsten zu lieben. Das galt als selbstverständlich.

Allerdings hat es im Bewusstsein der Menschen ganz enge Vorstellungen gegeben, wer dieser Nächste denn ist.

Und so ist es bei uns auch, fürchte ich.

Schauen wir uns an, wie Jesus das vorherrschende Bewusstsein aufdehnt.

Und zwar in provokanter Weise.

Ein Mann wird von einer Räuberbande überfallen und liegt halbtot am Straßenrand.

Zuerst erzählt Jesus einmal, wer ihm aller NICHT hilft:

Ein Priester und ein Levit; die haben nämlich keine Zeit bzw. wollen sich die Hände nicht schmutzig machen. Der Priester darf nicht mit Blut in Berührung kommen, dann könnte er am gleichen Tag beim Opfer im Tempel seinen Dienst nicht mehr versehen. Davon abgesehen würde er zu spät kommen.

Es wäre das absolut Normale und selbstverständliche, einem, der da liegt, zu helfen.

Da sehen wir, wie sich Religion und ihre Bestimmungen von wahrer Frömmigkeit entfernen können – beinahe unbemerkt.

Wir haben auch in unserer Kirche eine Menge Verfestigungen und Gebräuche, die einige Tonangebende als katholische Lehre und unverzichtbar ansehen, die aber mit dem Evangelium Jesu Christi und mit dem Heil der Menschen rein gar nichts zu tun haben – ja kontraproduktiv, störend sind. Massen

Aber es gibt noch viel Ärgeres: In Amerika, Nord wie Süd, gehen Menschen frommen Herzens in die Kirche, und sie meinen es ehrlich. Es fällt ihnen nicht einmal auf, dass es das Natürliche und Normale und mitmenschlich Erwartbare ist, dafür zu sorgen, dass Angestellte so verdienen, dass sie gut leben können. Dass Kleinbauern auch das Recht auf Privatbesitz, Grund und Boden haben – sie selbst, die Großen, pochen ja so darauf. Dass es bei Gott keinen Unterschied gibt, dass alle, arm und reich, gleich viel wert sind. Hautfarbe, Herkunft egal …

In unserem Land gehen ebenfalls Menschen gut gläubig, fromm, in die Kirche, die Menschen ohne mit der Wimper zu zucken ihre Menschenrechte absprechen, sobald sie aus Afrika und Asien kommen und eine dunklere Hautfarbe haben.

Sie kommen nicht einmal auf die Idee, dass sich ihre Denkweise mit dem Christentum nicht vereinbaren lässt.

Es wäre das Natürliche und Normale, einem, der Schutz sucht, beizustehen.

Schauen wir weiter im Evangelium:

Jesus erzählt weiter, WER hilft: Ein verhasster Ausländer, Glaubensabtrünniger.

Es spielt keine Rolle, es darf keine Rolle spielen, meint Jesus, welchen Glauben jemand hat, aus welchem Land er kommt man kann nicht theoretisch festlegen und per Gesetz verordnen, wer der „Nächste“ ist – jede/r kann es plötzlich sein, wenn ich auf ihn/Sie treffe. Es hat sehr viel mit Offenheit für die Anregungen des Heiligen Geistes zu tun.

Jahrhundertelang sind bei uns Menschen fromm und im guten Glauben in die Kirche gegangen – und tun es noch heute, in vielen Ländern der Erde, auch bei uns – kommen nicht auf die Idee, dass eine Frau ihre Nächste sein könnte: dass sie z. B. genauso viel Lohn bekommt für die Arbeit, gleiche Rechte haben könnte … Dass das was zu tun hat mit der Armutsgefährdung vieler Familien und der realen Not vieler Rentnerinnen bei uns – und mit der Not in den Ländern der sogenannten 3. Welt …

Liebe Brüder und Schwestern!

Lassen wir uns von Jesus, unserem Herrn, neu provozieren – herausrufen aus festgefahrenen Mustern.

Dieses Anecken, gegen den Strom Schwimmen, sich unbeliebt machen – ist nämlich geradeso ein Markenzeichen der Christen wie die Caritas. Das lateinische Wort für „Nächstenliebe“. Caritas ist wenn sie Qualität hat, immer zugleich eine Provokation für die Umgebung, für das Bürgertum, für die Zufriedenen und Satten: sie legt nämlich den Finger in die Wunden der Gesellschaft, zeigt die Ursachen auf, warum es die überhaupt gibt, und das ist eigentlich der Skandal, um die sie sich kümmert.

Die Armen, Einsamen, Traurigen, Randgruppen, Leidenden aller Art, die es in der Christenheit im Grunde gar nicht geben dürfte.

Denken wir aber jetzt nicht nur an „die anderen“. Immer wieder, wenn es um konkrete Hilfe für jemand geht, höre ich als Ausrede: „Ich bin doch nicht die Mutter Teresa.“ Wie komm grad ich dazu, zu helfen, ist gemeint. Da könnte ja jeder kommen. Da denk ich mir: Eigentlich ist es noch viel ärger: Jeder Christ repräsentiert in dieser Welt Jesus Christus – und wir sollten es da durchaus so tun, dass er erkennbar wird. Uns so verhalten, wie er es tun würde.

Machen wir uns die Hände schmutzig. Kündigen wir so manche unserer Verpflichtungen auf, um Zeit und Luft zu bekommen für das Wesentliche. Stellen wir das Heil der Menschen an die 1. Stelle.

Amen.

Predigt 14. 7. 2019                  Der barmherzige Samariter     15. So. i. Jk. C

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

„Dann geh und handle genauso!“

Was hat der barmherzige Samariter denn eigentlich getan? Gehen wir es noch einmal durch:

Ein Händler auf Geschäftsreise, der von Jerusalem, der Hauptstadt, der Metropole, kommt – unterwegs zu weiteren Unternehmungen nach Jericho – sicher hat er gute Geschäfte gemacht, die Einnahmen vermutlich bei sich. Wenn jemand Angst vor Räubern haben musste, dann jedenfalls er. Der Priester, der Levit, die beide ebenfalls aus der Hauptstadt, vom Tempeldienst nach Hause zurückkehren, haben im Gegensatz dazu wahrscheinlich keine Reichtümer dabei, um die sie bangen müssten.

Nun ist der Mann aus Samarien ziemlich eilig und vorsichtig unterwegs – da sieht er eine Bewegung, hört einen Schrei oder ein Stöhnen – geht näher hin und zögert nicht zu helfen.

Kein Gedanke daran, dass dieser da ein Feind ist, beinahe zumindest, einer aus dem Volk Israel, die kein gutes Haar lassen an denen aus Samaria, hochmütig immer darauf pochen, wir haben die wahre Religion… und ihr nicht… als ob unser gemeinsamer Vater Jakob diesen Unterschied gemacht hätte…

All das weiß der Samariter, und es kümmert ihn nicht, denn da ist ein Mensch in Not, und sein einziger Gedanke ist: Wie helfe ich am besten und am schnellsten?

Und das macht er dann, in der bestmöglichen Weise. Er tut mehr als üblich, mehr als zu erwarten war.

 

Liebe Brüder und Schwestern, darauf käme es an.

Ich bin davon überzeugt, jede/r hier würde einem Menschen, der uns plötzlich unterwegs begegnet und auf uns angewiesen ist, helfen.

 

Leider herrscht bei sehr vielen auch in unserem Land, gerade bei Menschen, denen materielle Not eher fremd ist, die umgekehrte Grundeinstellung vor. Viel zu viele fragen als erstes: „Was brauche ich nicht zu tun?“ Wo kann ich mich heraushalten, unauffällig davonkommen…? Lieber tu ich nichts, bis zum Beweis des Gegenteils geht’s mich nichts an.

 

Jesus spricht bewusst vom „Nächsten“ – das bedeutet doch, wer mir begegnet, ist grundsätzlich so wie Bruder und Schwester. Ausdrücklich gilt das für alle Menschen, als Hilfesuchender genauso wie als Helfender, Glaube und Nationalität spielen keine Rolle.

Wir, die Jünger Jesu, die Christen, müssten darüber noch hinausgehen. Uns wäre es angemessen und zuzumuten, dass wir in dieser Grundhaltung leben und durch die Welt gehen: Ich bin angesprochen, es betrifft mich, ich bin gemeint, gefordert, gefragt. Was kann ich tun – und wie kann ich es bestmöglich tun?

Die Kapitänin der SeaWatch 2 Carola Rackete hat genau das getan. Und die Richterin hat – sie wurde ja angezeigt und kurzfristig in Italien eingesperrt – den Freispruch mit dem geltenden Völkerrecht begründet: Wer in Seenot ist, dem ist zu helfen. Gott sei Dank gibt es dieses Völkerrecht.

Im geltenden österreichischen Gesetz gilt ebenfalls: Wer in akuter Not ist, dem ist zu helfen. Fahrerflucht oder unterlassene Hilfeleistung stellen strafbare Tatbestände dar. Gott sei Dank.

Übrigens war das auch damals so – nach der Tora, dem mosaischen Gesetz … Der Priester und der Levit hätten es besser wissen müssen.

 

Wie kann das, was Jesus fordert, in unserem persönlichen normalen Leben aussehen?

 

Mit offenen Augen durchs Leben gehen. Ein offenes Herz haben gegenüber Mitmenschen, offene Ohren für Missstände in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Umwelt, Kirche, für Hilfeschreie im Nachbarhaus, Zivilcourage im eignen Betrieb.

 

Jesus meint nicht, wir sollen ein krankhaftes Helfersyndrom haben. Er sagt auch: Ruht ein wenig aus, er selber zog sich oft zurück, um allein zu sein, und er konnte feiern, das Leben genießen, dass es manchen Frommen zu bunt war.

Uns ein Beispiel nehmen an Jesus selber. Ein vorurteilsfreier, offener, zugewandter Blick zum Menschen neben mir.

Manche Menschen machen sich zu gegenüber anderen, gegenüber den Anforderungen des Lebens. Viele davon kommen sich sehr brav, ordentlich und fromm vor. Wer nie was erlebt, macht sicher nichts falsch, aber er versäumt das Leben.

 

 

Mehr zu Carola Rackete erfahren Sie z. B. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ, v. a. auf der entsprechenden Website.