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Liebe Brüder und Schwestern!

Die Wüste hat 2 Seiten.

Ich weiß nicht, welche Ihnen momentan eher ins Auge springt.

Für uns ist eine Wüstenlandschaft eher etwas Exotisches, die Schönheit steht im Vordergrund.

Ja, die Wüste ist überwältigend schön. Schon allein die Farben. Der Sand der Sahara: aber auch in Jordanien und Israel: orangerot. Manche Reiseteilnehmer haben sich ein kleines Gefäß mit diesem Sand gefüllt, als Andenken für zu Hause.

Dann die grenzenlose Freiheit. Keine Obrigkeit, der man sich unterordnen müsste.

Die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten haben 40 Jahre in der Wüste verbracht – wenn man es nicht gewohnt ist, muss man Freiheit lernen, Selbstverantwortung.

Claudia Mitscha-Eibl singt im Mirjamlied von der Gefahr, zurückzufliehen – zu den Fleischtöpfen Ägyptens, in die Sicherheit der Sklaverei.

Denn: Das Leben in der Wüste – in der Freiheit – ist anstrengend und gefährlich.

Man muss genau auf jeden Schritt achten. Erfordert genaue Planung: wie viel Wasser und Nahrung brauche ich für welchen Weg. Nur das Wesentliche kann mitgenommen werden, jedes Zuviel bedeutet untragbare, unerträgliche Last.

Man kann verhungern und verdursten.

Sich verirren, auf wilde Tiere stoßen. Orientierung ist gefragt. Die Sterne des Himmels zeigten den Weg.

Fata Morganas, Luftspiegelungen, täuschen Leben und Ziel – Wasser, die rettende Oase – vor, wo keines ist.

Bei einem Unfall kann es sein, dass keine Hilfe kommt.

Am Tag droht der Sonnenstich, in der Nacht die Unterkühlung. Beim Sandsturm kann man ersticken.

Alles ist in der Wüste intensiver als im „normalen“ Leben. Als in der Stadt oder im fruchtbaren Tal.

„Wüste“ steht für eine Ausnahmesituation.

Ein Symbol für Ausnahmesituationen im Leben.

Für Zeiten der Not, Krankheit, Enttäuschung, des Mangels, der Einsamkeit und der Prüfungen, des Scheiterns und Nicht mehr Weiterwissens – wo wir an unsere Grundsubstanz kommen.

An unsere Grenzen.

Wo unsere Filter und Schutzhüllen wegfallen. Kultur, Tradition, Religion, Besitz, Herkunft …

Keine Ablenkung. Unsere Seele liegt bloß – Ausflüchte bringen nicht weiter.

Wir haben alle im letzten Jahr ein Stück „Wüste“ erlebt – die Gefahr des krankwerens, die drohende Not, Arbeitslosigkeit, echteNot durch Isolation, den Mangel an Ablenkung durch kulturelle, sportliche,vereinsmäßige, pfarrliche, … Tätigkeiten, durch Reisen, durch Lokalbesuche, den Freundeskreis, die Verwandtschaft.

Auf uns selbst zurückgeworfen wurden viele – einzeln und innerhalb der Kernfamilie.

In der Wüste und ähnlichen Regionen, z. B. auch bei Bergbauern, gibt es aber noch eine Besonderheit:

Legendär ist die Gastfreundschaft der Beduinen.

In Kargheit und Würde. Ohne Ansehen der Person.

Ausgeliefert sein, das Wissen: wir alle sind aufeinander angewiesen.

Jesus hat das gewagt. Alle Fülle und alle Macht als Gottes Sohn abgelegt.

Die Versuchung war, sich als göttlich und leidfrei zu zeigen, nicht an die Grenze zu kommen, kein Risiko einzugehen.

Wir sind in der Fastenzeit eingeladen, uns in die Wüste zu begeben.

Freiheit zu üben.

Selbstverantwortung. Achtsamkeit – ausprobieren, was ich alles nicht brauche, weil es zuviel ist … trotz Corona sind da immer noch Denkmuster, Abhängigkeiten und Strukturen die unfrei und krank machen …

Aussteigen – nicht für immer, aber für eine gewisse Zeit.

Nicht nur, weil wir diese Erfahrungen brauchen – damit wir mit Extremsituationen, die in unserem Leben auf uns zukommen, besser umgehen können. Wir wissen, was wir alles aushalten. Weil wir es trainiert haben. Menschen, die besser mit dem Lockdown zurechtgekommen sind, haben zuvor geübt!

Aber auch deswegen, weil wir die Erfahrung machen dürfen:

Wo wir uns aus unseren Schutzmauern und Panzern, aus unserer 100fach abgesicherten Zuckerwattewelt ins wirkliche freie und gefährliche Leben hinaustrauen, da hat es Gott ganz leicht, für uns sichtbar zu werden. Da wird die Grenze durchlässig zur „anderen“ Welt.

Es ist zu wünschen, dass wir zu spüren beginnen: da schaut jemand auf uns, der uns liebt.

Jesus hat damit gerungen, wie seine Rolle aussehen sollte in dieser Welt. Und dies sicher nicht nur ein einziges Mal, wie es in der Versuchungsgeschichte erzählt wird.

Bibeltext zur Betrachtung: Lk 4, 1-13

1 Erfüllt vom Heiligen Geist, kehrte Jesus vom Jordan zurück. Er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt, 2 vierzig Tage lang, und er wurde vom Teufel versucht. In jenen Tagen aß er nichts; als sie aber vorüber waren, hungerte ihn. 3 Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. 4 Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. 5 Da führte ihn der Teufel hinauf und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. 6 Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. 7 Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören. 8 Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. 9 Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; 10 denn es steht geschrieben: Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten; 11 und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. 12 Da antwortete ihm Jesus: Es ist gesagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. 13 Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel bis zur bestimmten Zeit von ihm ab.

Ganz bestimmt kommt die Versuchung wieder in dieser Situation, wo ihm die Massen zujubeln – und wo er auf dem ganzen Weg nach Jerusalem bereits weiß, dass er leiden und sterben wird – mit dieser Absicht und Aussicht kommt er … er hätte sich weiterhin in Galiläa verstecken können.

Könnte es nicht sein, dass es doch ganz anders auch geht …?

Das Judentum (und viele religiöse Strömungen die Jahrhunderte hindurch) erwartete einen Erlöser, der hart durchgreift, streng religiös agiert, als König vom Palast aus regiert, an der Spitze des Heeres als siegreicher Feldherr sämtliche äußeren Feinde ein für alle Mal beseitigt – und gleichzeitig aller materiellen Not (Hunger, Krankheit, Naturkatastrophen …) ein Ende macht.

Der aus Steinen Brot macht, für den die Naturgesetze nicht gelten, der seiner Macht freien Lauf lässt bzw. religiöse Macht für eigene Zwecke missbraucht.

Mit welchen Versuchungen werde ich konfrontiert?

Wie verhalte ich mich da?

Predigt                                   1. Fastensonntag, 1. 3. 2020

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

Eine alte Geschichte. Jeder kennt sie. Klar, haben wir schon in der Schule gehört: Der Teufel, der Böse will Jesus davon abbringen, seine Mission zu erfüllen. Dann würde die Welt nämlich nicht gerettet bzw. erlöst.

Wenn Jesus seine Berufung nicht gelebt hätte, am kreuz zu sterben …

Der Böse – oder der Widersacher des Guten können wir vielleicht sagen, dann verstehen wir besser, um was es geht -, versucht Jesus einzureden, wie erseiner Meinung nach zu sein hat:

Der Messiaskönig, Gott als Mensch, der selbstverständlich keinen Mangel leidet, weil er die Macht hat, sich jeden Wunsch jederzeit und unverzüglich zu erfüllen.

Klar, dass er seine Wunderkräfte einsetzt.

Und klar auch, dass er es demonstriert, vor aller Welt klarstellt, dass Gott auf seiner Seite ist. Ihn auffängt, wenn er sich wo hinunterstürzt…

Vor ein paar Wochen habeich mir die Oper“ Der Prophet“ von Jakob Meyerbeer angeschaut.

Da kann man mitverfolgen, wie ein normaler junger Mann mit der Zeit zum Messias stilisiert wird, aufgebaut, als Superstar im Religiösen – der keine menschlichen Probleme mehr haben darf. Als er versucht, sich normal menschlich zu benehmen, wird er vom religiösen Kommandoteam fallengelassen.

Was hat das jetzt mit uns zu tun?

Auch heute, in unser aller Leben, gibt es diese Stimmen, die uns weismachen möchten: sie wissen ganz genau, wie wir zu sein haben. Was wir kaufen, we wir handeln, was wir in der Freizeit tun, wie wir aussehen, usw.

Unser wahres Wesen: komplett gleichgültig.

Dazu müssen wir wissen: Glücklich werden wir nur, wenn wir unserer ureigenen persönlichen Berufung folgen. Grundsätzlich: dass wir Gottes geliebte Kinder sind. Und alles andere unter „ferner liefen“.

Die österliche Bußzeit lädt uns ein, es besser zu machen als bisher. Buße kommt von besser.

Wir dürfen frei sein. Frei werden von allen Zumutungen und unguten Vorbildern. Was Illustrierte, Facebook und Instagram, Fernsehen und die Werbung uns nahelegen und vorschreiben wollen: was wir haben, kaufen, machen, denken, wie wir unsere Freizeit verbringen sollen… damit wir abhängiger und abhängiger werden von ihren Angeboten, damit sie mehr Geschäft mit uns machen, an uns verdienen.

Die gute Botschaft lautet: Wir müssen und brauchen gar nichts, um perfekt oder auch nur akzeptabel zu sein. Wir brauchen nicht erst intelligenter, schöner, attraktiver, besser gestylt, gebildeter, fitter, sportlicher, schlanker oder besser proportioniert zu sein.

Wir sind akzeptiert – zutiefst angenommen und geliebt von Gott – ohne Vorbedingungen, einfach weil wir da sind. Wir dürfen und sollen uns entwickeln, dazulernen, natürlich. Aber im Grunde ist das Vollkommene schon da.

Predigt                                                                                     4. Advent 2019

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

„Träume sind Schäume“, sagt der Volksmund. Stimmt das?

Dahinter steckt die gleiche Geisteshaltung, die Blumen in einem Garten für überflüssig hält…

Die großen spirituell Begabten der Menschheitsgeschichte aller Religionen und die moderne Wissenschaft sagen etwas anderes.

Die Psychologie weiß: In den Traumphasen während des Schlafes regeneriert sich das Gehirn, erholt sich die Seele: Erfahrungen des Tages – und von denen verdanken wir 70 % dem Unterbewusstsein, wir nehmen viel mehr wahr, als das Wachbewusstsein mitbekommt, werden geordnet zu einem Ganzen, aber so, dass oft ein neues Muster entsteht – oft spüren wir nach einem guten Traum plötzlich ganz genau, was wir zu tun haben.

Viele glaubende Menschen haben die Erfahrung gemacht: Gott spricht zu uns mit Hilfe der Träume.

Bei Exerzitien wird immer nach den Träumen gefragt, sie sind wichtig für die geistliche Erfahrung.

Und dann gibt es noch die anderen Träume, die wir so nennen: die großen mutigen Entwürfe der Menschheit, Visionen, Ideen, die oft lang im Verborgenen wirken und sich entfalten, bis sie sichtbar und für viele, die so etwas bislang für unmöglich gehalten haben, überraschend ans Licht kommen.

Von beiden Arten zu träumen spricht heute das Evangelium zu uns, gibt es eine gute Nachricht Gottes an uns.

Es wird von einem Traum Josefs berichtet.

Josef hatte zuvor einen Traum für sein Leben, der soeben zerbrochen war: Bei den Römern gearbeitet monatelang, tüchtige Zimmerleute wurden gebraucht beim Aufbau der Stadt Sephoris und anderswo, gutes Geld ließ sich da verdienen, und dann baue ich mir eine eigene Werkstatt auf in Nazareth, mit Maria zusammen, über ein Jahr sind wir schon verlobt, es wird Zeit für die Hochzeit, wie ich mich freue …

Geplatzt wie eine Seifenblase – als er heimkommt, ist Maria sichtlich schwanger. Aus der Traum. Was soll er tun? Alles kurz und klein schlagen vor Wut? Maria vor Gericht bringen? Sich betrinken? Mit einem Freund drüber reden? Beten? Oder alles nacheinander? Er kommt zum Schluss: Je eher ich von hier fortgehe, diesmal für immer, desto besser … Und während Josefs Gedanken und Gefühle noch rotieren, fällt er in einen unruhigen Schlaf.

Und in diesem Moment, in dem er seinen Lebenstraum verloren gibt, gerät er an einen anderen, größeren Traum: Gottes Lebensentwurf ist anders und schöner – du hast dich in Maria nicht getäuscht, verbringe dein Leben mit ihr, sie erwartet Gottes Kind, sei diesem Kleinen ein guter Vater, sei für ihn da, erziehe ihn, lehre ihn zu vertrauen, gib ihm Sicherheit…

Gott träumt – von großherzigen, liebenden, vertrauenden, tatkräftigen Menschen, die die Welt ein Stück besser hinterlassen, als sie sie vorgefunden haben.

Gott träumt von und hofft auf Menschen wie Josef – die hinausschauen über die engstirnigen Vorstellungen der jeweiligen Zeit und über den eigenen Tellerrand.

Mit solchen Menschen kann die Wüste blühen.

Wovon träumt Gott heute?

Wieviele Träume Gottes sind in der Geschichte schon Wirklichkeit geworden?

Lange Zeit galt es als unvorstellbar, dass alle Menschen frei geboren sind und die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben.

Dass nicht jede Geburt ein Risiko auf Leben und Tod darstellt oder dass man einen Blinddarm- oder Lungenentzündung im allgemeinen überlebt.

Dass alle Kinder zur Schule gehen.

Dass in unserem Land niemand erfriert oder verhungert.

Dass Menschen ihre Regierung selber wählen und bilden und nicht den Launen einzelner Familien oder Monarchen ausgeliefert sind.

Dass man den ganzen Planeten bereisen kann.

Dass Frieden herrscht – zumindest zwischen Deutschland und Frankreich. Zwischen Frankreich und England. Zwischen England und Amerika. Zwischen Österreich und Italien.

Da fällt uns auch sofort ein, wo die Träume Gottes noch auf Verwirklichung warten. Die Wüste blüht noch nicht überall, weil Menschen es vorziehen Leben zu zerstören statt zu ermöglichen …

Wovon träumen wir? Wovon träumst du?

Dass ein Streit aufhört, Versöhnung möglich ist? Dass jemand gesund wird? Dass die neue zusammengewürfelte Familie hält, endlich Geborgenheit und Glück vermittelt? Dass es nach 3 schlechten Erfahrungen einmal eine gute gibt? Einen sicheren Arbeitsplatz? Mehr Freude und Erfolg in der Schule? Verlässliche Freunde?

Dass die Natur nicht weiter vergiftet und zerstört wird? Friede zwischen allen Völkern und Menschen dieser Erde?

Dass alle spüren können: Gott liebt uns und ist immer da?

Wir sind eingeladen zu träumen. Gottes Möglichkeiten zu sehen, so tief zu glauben und so unkonventionell zu handeln und so praktisch zu lieben wie Josef es getan hat.