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Predigt                                     Hl. Stephanus 2024

Liebe Brüder und Schwestern!

Wie eine kalte Dusche mitten in die Gemütlichkeit dieser weihnachtlichen Tage wirkt das Fest des Hl.Stephanus und die gehörten Texte des Neuen Testamentes. Eine kalte Dusche ernüchtert, kann darum auch heilsam und befreiend sein. Im Evangelium warnt Jesus seine Jünger hellsichtig, dass sie sich vor den Menschen in Acht nehmen sollen, weil sie diese vor Gericht bringen und in den Synagogen auspeitschen werden.

Diese knallharte Aufforderung zur Wachsamkeit vor den Menschen wird uns ausgerechnet am Tag nach Weihnachten zugemutet …

A

Die Krippe ist der Ort, wo die Hoffnung zur Welt gekommen ist. Der Ort, an dem das Licht der Welt geboren worden ist. Der Ort aber auch der Entscheidung: Bist du bereit, mir nachzufolgen? Auch dann, wenn die Kerzen auf dem Christbaum erloschen sind? Auch dann, wenn es für dich ungemütlich wird, du angefragt wirst, manchmal auch belächelt oder gar runtergemacht wirst, weil du dich mit Eifer für mich und Gottes Reich einsetzt?
Denn:

Menschen, die es mit Jesus ernst nehmen, wird es so gehen wie Stephanus. Allen. Ausnahmslos. Das ist die Botschaft des heutigen Tages und der Grund, warum gleich am 2. Weihnachtstag der 1. Märtyrer gefeiert wird.

Wer es mit Jesus ernst meint, gerät in Konflikt mit den Feinden des Evangeliums, mit der Welt, mit dem hier Üblichen, mit Macht und Geld …

Ein paar Beispiele:

Papst Franziskus – die bei Benedikt und Joh. Paul 2. ständig auf den Gehorsam den Papst gegenüber gepocht haben und sich besonders strenggläubig gegeben haben (da ist es um wiederverheirateten Geschiedenen gegangen, um Zölibat und die Weihe von Frauen), hetzten plötzlich gegen den Papst und tun in keiner Weise, was er möchte. D. h., ein Papst ist gut, solange er meinen Interessen dient – und auf Pomp und Ehrentitel verzichten, einfach leben und reden oder barmherzig sein wie Jesus oder die Menschenrechte einhalten, das geht ihnen entschieden zu weit. Stört ja schließlich die eigenen Machtinteressen.

Berta von Suttner – wie viele Anfeindungen hat sie erlebt, weil sie sich für den Frieden eingesetzt hat?

Ute Bock – wieviele Briefe hat sie während ihrer schweren Krankheit bekommen – mit dem Inhalt: Endlich geschieht dir recht, endlich bist du unschädlich, schade, dass du noch nicht verreckt bist. Warum? Weil sie sich dafür eingesetzt hat – und zwar höchst effizient, dass Asylwerbern Recht geschieht, dass Beamte in Österreich die Gesetze einhalten. Furchtbar.

Bischof Kräutler – Mordanschläge überlebt, mehrere enge Freunde und Mitarbeiter/innen beerdigt, die erschossen wurden von Killern der Reichen in Brasilien. Wieso trachtet man einem Bischof nach dem Leben? Weil er sich dafür einsetzt, dass alle Menschen im Land Brasilien als Gotteskinder mit gleichen Rechten und gleicher Würde behandelt werden, i. e. die Indiovölker am Xingu. Dass es gerechte Gesetze gibt und sie eingehalten werden. Schrecklicherweise behindert er dadurch die Großgrundbesitzer und einige Mächtige in Brasilien und multinationale Konzerne dabei, sich auf Kosten der Armen und auf Kosten der Natur schamlos zu bereichern. Der Regenwald ist die Lebensgrundlage der Menschheit.

Christ sein bedeutet nicht, ein Glaubensbekenntnis fehlerlos aufzusagen.

Es bedeutet, die Freundschaft mit Jesus zu wagen, ihm nachzufolgen, seine Jüngerin, sein Jünger zu sein. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen, die noch nicht absehbar sind.

Amen.

Hab ein neues Buch zu lesen angefangen.

Eigentlich zur Ablenkung von der Corona-Krise.

Ist nicht gelungen, weil der Inhalt denkbar erschreckend ist, wenn auch andere Themen betreffend.

Wie das Buch heißt?

Marco Politi: Das Franziskus – Komplott.

Genau: Nehmt es als Buchempfehlung. Öffnet die Augen.

Wegen meines arbeitsintensiven Dienstsantritts als Pfarrassistentin in den Haid und Pucking erst heute die Predigt zum vorgestrigen Sonntag:

 

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

 

Nach oben buckeln, nach unten treten. Diesen Spruch haben Sie sicher schon öfter gehört – und es beschreibt treffend das Verhalten mancher Menschen – und es ist kein Kompliment.

 

Geschichte vom Portier

 

Vor einigen Tagen war erst der G7-Gipfel, und in den Zeitungen wurde unter anderem kommentiert, wer neben wem saß und wie lange und warum …

Und bei uns im Kleinen und in der Öffentlichkeit ist oft zu bemerken, wie jede vornehme Zurückhaltung schlagartig und restlos verschwindet, sobald es zum Sturm auf die Futtertröge, in die Medienberichte oder sonst auf die besten Plätze geht.

Zur Zeit Jesu gab es das genauso wie heute – und zu allen Zeiten, die dazwischen liegen.

Ich weiß nicht, ob es ein Trost ist, dass auch die Pharisäer nicht anders gehandelt haben – die Elite der Frommen und (religiös) Gebildeten damals, – oder ob wir uns aufgrund dieser Tatsache eher schrecken sollen.

 

In der Kirche ist es nicht anders – obwohl in den letzten Jahrzehnten weit besser geworden und obwohl Papst Franziskus eine ganz andere Sprache spricht.

Zumindest hat er diese ganzen überflüssigen Ehrentitel Monsignore, Geistlicher Rat usw. abgeschafft.

Man könnte jetzt solches Gehabe auch ganz lustig finden, Prof. Nemecek hat den Begriff „Knopflochrotlauf“ erfunden, Kleider- und Rangordnung, Titelsucht usw. … wenn nicht eine ganz reale Gefahr dahinterstünde: Nämlich die, dass Menschen, die sich in diesen Systemen an den oberen Plätzen befinden, tatsächlich oft überheblich auf die da unten herabschauen – und sich besser vorkommen, als die besseren Christen, die besseren Menschen, die fitteren, gesünderen, Tüchtigeren, Fähigeren … Beliebteren, Schöneren, Reicheren die, die es „geschafft“ haben, eben.

Im religiösen Bereich fühlt man sich dann näher bei Gott, würdiger, spiritueller, geistig entwickelter, intelligenter, gebildeter usw.

 

Und da wird uns klar, warum Jesus so ein Verhalten kritisiert. Nicht, weil er Menschen herabsetzen will – ja, wir haben diese Redewendung, es ist genau diese Situation gemeint, jemanden an einen schlechteren Platz, weiter unten an der Tafel, zu platzieren -, nein, Jesus, der für Gott spricht, möchte alle an den besten Platz holen, einladen, gerade und vor allem die, die im normalen Leben übersehen, ausgegrenzt, schief angeschaut, verachtet werden, keine Geltung haben, die die vornehme Welt nicht dabei haben will.

Die Unsichtbaren sichtbar machen, ihnen den zustehenden Wert als Kinder Gottes, die Würde des guten Platzes geben.

 

Wir erinnern uns wahrscheinlich, dass Jesus in einer ähnlichen Situation an seine JüngerInnen die Parole ausgibt: „Bei euch aber soll es nicht so sein.“

 

Für die neue Ordnung, die er zu schaffen gekommen ist, im Reich Gottes, haben andere Maßstäbe zu gelten.

Ich vermute, dass Sie hier in der Pfarre Haid diese Maßstäbe Jesu leben.

Wo alle gleich wertvoll sind, gleich geachtet und willkommen beim Gottesdienst, bei Festen, beim Mitarbeiten und Mitgestalten in der Pfarre.

Arbeiter/innen und Chefs, Chefinnen. Geschäftsleute und Putzfrauen. Lehrer und SchülerInnen. Ingenieure und Hausfrauen. Bankangestellte und Arbeitslose. Lehrlinge und Pensionisten.

Bei Gott hat niemand, wer er auch sei, dem anderen etwas voraus.

Und zwar deswegen, weil jedem/r einzelnen das volle Maß, die unmittelbare Nähe und Freundschaft bereits geschenkt sind. Mehr geht nicht.

Ich in meiner Funktion als Leiterin und Seelsorgerin möchte Helfen, dass wir alle hier in Haid diese Geschenke – das volle Maß des Heils – annehmen und verwenden.

Meine heutige Einstimmung für die Pfarrgemeinderatssitzung:

 

Gebet für die Erde

 

Allmächtiger Gott,
du bist in der Weite des Alls gegenwärtig
und im kleinsten deiner Geschöpfe,
du umschließt alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit.

Gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
damit wir das Leben und die Schönheit hüten.

Überflute uns mit Frieden,
damit wir als Brüder und Schwestern leben
und niemandem schaden.

Gott der Armen, hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten.

Heile unser Leben,
damit wir BeschützerInnen der Welt sind
und nicht rauben,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.
Rühre die Herzen derer an,
die nur Gewinn suchen
auf Kosten der Armen und der Erde.

Lehre uns,
den Wert von allen Dingen zu entdecken
und voll Bewunderung zu betrachten;
zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen
auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.

Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
Ermutige uns bitte in unserem Einsatz
für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

Aus der Enzyklika Laudato Si‘ von Papst Franziskus „Über die Sorge um das Gemeinsame Haus“.