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Predigt                                                          

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

In den letzten Wochen haben sich 2  Gespräche mit Bekannten ergeben über den Tod und das Sterben.

Eine Dame hat über die Lektüre eines Buches gesprochen, in dem eine Mutter schreibt, wie sie mit der Trauer über den plötzlichen Tod eines Kindes umgeht. In diesem Buch hat sie mehrere Male (sinngemäß) gelesen: Man weiß ja nicht, was ist – es war so schrecklich, ich wollte Gewissheit, einen Hinweis, wie es ihm geht … Die Autorin sucht eine Frau auf, die Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen verspricht, um diese Gewissheit zu bekommen.

Und vor ein paar Tagen sagt eine eigentlich gläubige Frau, Kirchgeherin: Man weiß ja nicht, was dann ist, ob und wie es weitergeht …

 

Liebe Schwestern und Brüder: Wir könnten es wissen.

Die Frage nach dem ewigen Leben ist eine zentrale, wenn nicht die zentrale Frage in allen Religionen – und im Christentum erst recht – wir sind die einzige Religion, die ein Vorbild hat, der „drüben“ war und zurückgekommen ist.

 

Zu Allerseelen, dem Gedenktag aller Verstorbenen, ist es angebracht, 2 oder sogar drei Problembereiche auseinanderzuhalten:

  1. was passiert im Sterben, was ist danach? Und
  2. Wie gehe ich als Trauernde/r mit dem Verlust eines Nahestehenden, geliebten Mitmenschen um? Und
  3. Wie verhalte ich mich, wie gestalte ich mein Leben glücklich und sinnvoll mit meinem eigenen Tod vor Augen?

 

Das heutige Evangelium zeigt einen Weg, der vielleicht überrascht, aber sehr nahe liegend ist.

Ich denke mir: Manchmal wäre ich gern an der Stelle Martas – ich würde gern mit Jesus über den Tod reden.

Es ist ein Gespräch, wo beide einander ernst nehmen. Klartext. Keine Ausflüchte. Offene Begegnung.

Und dieses Gespräch hilft – Jesus trauert ja selbst – Marta ist getröstet, bevor Jesus ihren Bruder wieder aus der Grabhöhle heraus und ins Leben zurückruft.

 

Liebe Brüder und Schwestern: Wir sind an Martas Stelle. Es ist kein Problem, mit Jesus zu reden – über den Tod, aber auch über das Leben und über Gott und die Welt – einfach über alles.

Die Freundschaftsbeziehung – Jesus möchte nichts lieber als mit uns eine haben wie mit Marta und ihren Geschwistern.

Wenn einer der unseren uns im Tod verlässt, dann trauert unser Freund Jesus mit uns – auch wenn wir meinen er käme zu spät, weil wir gern die Heilung eines Kranken lieber erleben würden als sein Sterben.

Wenn Lebensträume zerstört werden, auch menschliche Katastrophen wie Trennung, Scheitern von Beziehung, von Arbeit und Einsatz – Verlust der Heimat z. B. wirken sich psychisch wie der Tod eines Familienmitglieds aus – , dann sind wir immer eingeladen uns damit zu beschäftigen, wer wir im Grunde sind, uns und unseren Lebenssinn neu zu definieren.

 

Glücklich sind wir, wenn wir in solchen Zeiten nicht nur auf menschliche Freunde, die einen auffangen, sondern auch auf die schon bestehende Beziehung mit Jesus, mit Gott zurückgreifen können. Wenn wir spüren: wir sind nicht allein und im Stich gelassen.

 

Und Jesus hat ja übrigens zu dem Verstorbenen, um den ich trauere, diese direkte Kontaktmöglichkeit, die wir nicht haben – und auch nicht anstreben sollen. Die haben eh genug mit sich selbst zu tun, wir sollen sie in Ruhe lassen.

Wir dürfen mit Jesus natürlich über die Toten reden. Er ist auch der, der ihnen „zuwi“ kann, den sie brauchen.

 

Die Freundschaft mit Jesus hört mit dem Verlust alles Liebgewordenen und sogar mit unserem eigenen Tod nicht auf, sondern bekommt einen neuen Grad an Intensität, eine ganz andere Dimension: von Angesicht zu Angesicht, wie Paulus einmal schreibt.

 

 

 

Predigt                                                       26./27. 10. 2019

 

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

 

Also doch die althergebrachte Einstellung: Man darf nicht stolz sein auf das, was man geleistet, geschafft hat? Gott freut sich also doch, wenn wir ständig mit hängendem Kopf herumlaufen und uns als „arme Sünder“ fühlen …

So ist es oft und oft, jahrhundertelang gesagt worden.

Aber stimmt das wirklich?

Kann Gott das wollen?

Hat Jesus mit diesem Evangelium das gemeint?

 

An einer anderen Stelle sagt er, wir sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen.

 

Der Evangelist Lukas sagt in der Einleitung zu dieser Stelle ganz genau, wem das Gleichnis gilt.

Vielleicht haben wir nicht genau zugehört:

„In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel.“

 

Natürlich dürfen wir und sollen wir uns freuen und stolz sein, wenn wir Fähigkeiten haben, etwas gelingt, wenn wir etwas leisten. Das ist gesund und normal, uns wir brauchen das, es ist lebensnotwendig. Menschen, die in ihrem Tun keinen Sinn erkennen, die keine Erfolge erleben, werden depressiv.

 

Was nicht geht:

Sich besser fühlen als andere, auf sie herabschauen, das Evangelium sagt „verachten“, und zwar im religiösen Sinn – es gibt immer wieder, auch heute noch, Menschen, die meinen, sie sind vor Gott mehr wert und ihm näher und vertrauter als andere. Die anderen nämlich, so meint man, haben nicht ganz den richtigen Glauben, sind nicht fromm genug, ein Wahnsinn, was die alles tun bzw. nicht tun … an was sich die alles nicht halten …

Was, der fastet am Freitag nicht, betet keinen Rosenkranz, war noch nie in Medjugorje, was, die gehen nicht einmal jeden Sonntag in die Kirche, …

 

In unserem Land gibt es Kreise, besonders fromme Katholiken, die haben allen Ernstes die Meinung vertreten, wahrscheinlich tun sie es heute noch, wenn jemand bei der Plattform „Wir sind Kirche“ dabei ist oder bei der laien- oder Priesterinitiative, dann stehen die nicht mehr innerhalb der Kirche …

Ich hab mit einem – ein junges Bürscherl, der in keiner Pfarre beheimatet ist, eine Diskussion gehabt, hab ihn gefragt, ob er das tatsächlich glaubt, dass viele moderne Priester, die 2 oder 3 Pfarren haben, oder Pfarrgemeinderäte, Haupt- und Ehrenamtliche, die durch ihren oft lebenslangen Einsatz das Leben in den Pfarren aufrechterhalten, woher er die Berechtigung zu nehmen glaubt, auf die schimpfen zu dürfen. Bloß weil er die Notwendigkeit nicht einsieht, dass sich diese für dringend nötige Reformen in der Kirche einsetzen.

 

Jetzt ist aber diese Denkweise viel weiter verbreitet als wir glauben. Sich besser vorkommen als andere – wo erleben wir das selber? Wo denken wir selber so?

Sind wir nicht alle ständig der Versuchung ausgesetzt, wenn wir gläubig sind, anderen weniger Glauben oder Gutsein zuzutrauen als und selber – weil sie z. b. in der Ehe oder im Beruf gescheitert sind, weil sie aus dem Ausland kommen, sich anders benehmen, anders aussehen, sich anders kleiden oder ernähren als wir selber? Eine ganz neue Studie besagt, dass Behinderte in Österreich noch immer nicht für voll genommen werden. Wir sind – im Gegensatz z. b. zu den USA, Kanada, Großbritannien oder den skandinavischen Ländern auf dem Stand der 70er-Jahre stehengeblieben.

 

Jesus will uns mit dem heutigen Beispiel sagen: Achtung! Es ist nicht, wie ihr glaubt.

Gott liebt uns nicht, weil wir tüchtig und erfolgreich sind – im Leben oder in religiösen Dingen. Gott liebt uns nicht, weil wir beten und in die Kirche gehen, spenden und den Kirchenbeitrag pünktlich zahlen, weil wir uns in der Pfarre oder sozial wo besonders engagieren.

Ja, Gott freut sich mit uns, wenn wir das alles tun, aber lieben tut er uns, weil wir am Leben und seine Kinder sind.

 

Haben sie Kinder?

Wenn es mehrere sind: Lieben Sie Ihr Kind, weil es lauter Einser hat, besonders schön ist, im Fußballmatch ein Tor geschossen oder im Musikwettbewerb einen Preis gewonnen hat? Lieben Sie es nicht, wenn das alles nicht ist? – Na eben, klar lieben Menschen die eigenen Kinder, vielleicht mit besonderer Sorge und Energie, wenn sie sich schmutzig oder etwas falsch gemacht haben, wenn sie Schwierigkeiten bekommen, auf die schiefe Bahn geraten, krank werden usw.

Und wehe, ein Außenstehender würde dann über das eigene Kind schlecht reden, die Mutter möchte ich sehen, mit der man es dann nicht zu tun bekommt …

 

So liebt Gott jede und jeden von uns.

Liebe Brüder und Schwestern, der Zöllner im Evangelium wird von Jesus nicht gelobt, weil er sich unter Umständen falsch verhalten hat. Der Zöllner verhält sich Gott gegenüber richtig, wie ein Kind, das sich mit seinen Fehlern und Verletzungen, mit allem, was falsch rennt im Leben, nicht versteckt, sondern sich hinstellt und dies alles in Ordnung bringen lässt. Der weiß, dass er mit all dem kommen darf. Willkommen ist. Gott will ihn bei sich haben, Hauptsache, er ist da, wurscht die Beleitumstände.

 

Der Pharisäer erfasst nicht, wie Gott ist. Sein Beten bleibt unpersönlich. Gott ist wie ein Firmenchef, ein König, dem man da präsentiert, was man leistet – und das was im Leben weniger ok. ist, die eigene Persönlichkeit, das Privatleben, geht den nichts an. Der gute Bürger lässt sich auf keine nähere Beziehung ein. Er öffnet sich nicht. Und bleibt veränderungsresistent. Beziehungsunfähig. Nimmt Gott nicht ernst. Benutzt Religiosität dazu, sich gut zu fühlen, zur Selbstbestätigung.

Der Zöllner kommt mit der authentischen Wirklichkeit seiner gesamten Persönlichkeit – und die ist nicht perfekt. Er versteckt nichts.

Und so hat er – das, was Gott von uns möchte, worauf es ankommt: eine Begegnung mit Gott, eine lebendige, von Person zu Person.

 

Predigt                                                                St. Leonhard, 26. 10. 2019

 

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

 

Sankt Leonhard, der Löser der Ketten und Befreier der Gefangenen. Er hat sich tatsächlich für die Freilassung Inhaftierter – die waren damals in Verliesen – eingesetzt.

Es werden heute später auch Pferde gesegnet, der heilige Leonhard wird traditionsgemäß auch mit dem Großvieh, Rindern, Eseln und Pferden, in Verbindung gebracht und als deren Schutzpatron verehrt.

Die (zerbrochenen) Ketten, mit denen er üblicherweise dargestellt wurde, hat man als Tierketten verstanden.

Ursprünglich riefen Menschen den Hl. Leonhard bei unrechter Inhaftierung an. Mehrere Legenden schildern, wie Ritter, die im Zuge der Kämpfe mit muslimischen Mauren in Gefangenschaft geraten waren, ihn anrufen und auf wunderbare Weise befreit werden.

 

Das Befreien von zu Unrecht Gefangenen gehört zutiefst und schon seit den Anfängen zur christlichen Tradition. Der Messias wird auch als Befreier von (politischen) Gefangenen erwartet, die gab es nämlich, man hatte ja die römische Besatzungsmacht im Land … und Jesus stellt sich auch so vor. Ich bin gekommen, den Gefangenen die Freiheit zu verkünden.

Die ersten Christen haben Geld gesammelt, um getaufte Sklaven freizukaufen, man empfand es als absolut unpassend, dass Getaufte, freie Bürger des

Reiches Gottes, im römischen Staat als Unfreie leben sollten, und hat etwas dagegen unternommen.

Wenn wir uns bei Amnesty International oder CSI, Christen in Not für politisch, weltanschaulich oder religiös Verfolgte einsetzen, stehen wir in einer guten Tradition.

 

Jetzt hat aber das Befreien, das Lösen oder Sprengen von Ketten weitere Dimensionen.

 

Zunächst das Befreien aus dem Tod. Es gibt eine Reihe von Bildern, die Jesus als Auferstandenen zeigen, wie er an den Händen links und rechts die Verstorbenen aus der Unterwelt herausholt ins Licht, in seinen Bereich, in den Himmel.

 

Dann natürlich das Befreien von der Sünde, das Jesus bewirkt. Und da steckt mehr dahinter als die schnelle Lossprechung nach einer noch schnelleren Aufzählung von Verhaltensweisen, die uns verkehrt vorkommen.

 

Und da kommen wir zum heutigen Evangelium.

 

Vielleicht kommt es uns erheiternd vor, wie der Pharisäer betet, selbstgerecht wie aus dem Bilderbuch. Natürlich können und sollen wir, wenn wir beten auch Danke sagen für all das Gute, das uns geschenkt ist, Herkunftsfamilie, Wohlstand, Erziehung, Bildung, auch dass wir glauben können.

Aber natürlich geht es nicht, auf andere verächtlich herabzusehen – die die all diese Vorteile nicht haben…

 

Jesus ist gekommen, um Ketten jedweder Art zu entfernen, im übertragenen Sinn: die der eigenen beschränkten Sicht, der Unwissenheit, der religiösen Sturheit, des Fanatismus,… er möchte uns den Klotz am Bein entfernen, der Standesdünkel heißt und Vorurteil. Selbstgenügsamkeit, nichts mehr dazulernen, keine neuen Menschen kennenlernen wollen.

Die gesellschaftlich üblichen Schranken will er aufheben: jede Art von Diskriminierung, Feindschaft oder auch Angst.

Und klarerweise alles, was Menschen knechtet, unfrei sein lässt: Zwänge, Süchte, weltanschauliche sogenannte verschlossene Türen, Tabus, menschenfeindliche Gesetze, und seelische und körperliche Krankheiten sowieso.

Der Unterschied zwischen dem Pharisäer und dem Zöllner besteht darin, dass der Pharisäer seine Unfreiheit nicht merkt, seine Ketten nicht spürt. Er hat sich darin eingerichtet, ja er profitiert sogar davon, weil er sie benützt, um sich im Vergleich zu anderen gut zu fühlen.

Der Zöllner weiß genau, was nicht passt in seinem Leben. Gott, sei mir Sünder gnädig meint, hilf mir, ich selber schaffe es nicht. Er bittet Gott darum, befreiend in sein verkorkstes Leben einzugreifen.

 

Dass auch wir – alle – das tun, dazu will uns Jesus ermutigen.

 

Halten wir ihm unsere Ketten hin, die wir aus eigener Kraft nicht loswerden: Gewohnheiten, Denkweisen, verfahrene Situationen, alles wo wir glauben es muss so sein aber im Grunde darunter leiden, fixe Vorstellungen, Festlegungen anderer, wie wir angeblich immer seien oder zu sein haben, Feindschaften, Beziehungen, Gruppenzwänge, die Weltlage und und und …

Wir brauchen nur sagen, wir wollen das nicht mehr…

 

Heilige haben die Aufgabe, auf uns Menschen ein bisschen ein Auge zu haben – wie ältere Geschwister auf Kleinere. Bitten wir den Heiligen Leonhard, dass er sich für uns einsetzt, wo wir unfrei sind. Als Befreier aktiv wird Jesus, Gott, selber.

Wir brauchen uns nur überraschen lassen, wie und wie sehr.

 

 

… diesmal in Haid.

 

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

 

Als Motto für den heurigen Erntedank hat sich der Liturgiefachausschuss „Blumenwiese“ ausgesucht. Wir bekommen auch als kleine Aufmerksamkeit im Lauf des Gottesdienstes ein kleines Sackerl mit Wiesenblumensamen geschenkt.

Was hat eine Blumenwiese mit dem Erntedankfest zu tun?

 

Im Evangelium spricht Jesus von den Lilien auf dem Feld. Da sind die normalen Wildblumen auf der Wiese gemeint. Die sollen wir uns zum Vorbild nehmen.

Weil Gott sie wichtig nimmt. Jede einzelne. Obwohl wir sie normalerweise nicht beachten, ist der Rede wert …

Wenn wir in der Blumenhandlung eine Rose oder Orchidee kaufen oder ein paar Gänseblümchen und Glockenblumen – was kostet mehr? Natürlich die besonderen, exotischen Blüten, die nicht von selber so wachsen … die Unscheinbaren von der Wiese hinter dem Haus gibt es im Geschäft nicht einmal.

 

Vor ca. 10 Tagen haben Marion, Frau Stöger und ich hinter die Pfarrkanzlei geschaut und festgetellt, es sieht furchtbar aus, alles wächst fast kniehoch und gehört vor dem heutigen Festtag dringend gemäht, was durch die Stadtgemeinde auch dankenswerterweise geschehen ist.

Ich habe angemerkt: He, auf dieser „wilden Gstätten“ wachsen mindestens 6 Heilpflanzen …:  Sauerampfer, Brennnesseln, Schafgarbe, Beifuß, Spitzwegerich, Gänseblümchen, Löwenzahn. Das, was wir oft als Unkraut bezeichnen, trägt unglaubliche Heilkräfte in sich.

Auch Holler, Weide, Walnuss, Beinwell, Wiesenkümmel, Johanniskraut, Frauenmantel, Augentrost, Gundelrebe, Baldrian, Königskerze, Pfefferminze, Wiesenthymian …

 

Die Wiesenblumen und -pflanzen, Kräuter schauen nicht nur hübsch aus, sondern könnten ein Zeichen für uns sein, dass Gottes Herrlichkeit und Liebe, auch Sorge um unser leibliches Wohlbefinden, sich überall – auf Schritt und Tritt – offenbart. Es ist gegen alles ein Kraut gewachsen…

 

Und wie es bei den unscheinbaren Pflanzen ist, so ist es auch bei uns im Leben.

Viele Kleinigkeiten nehmen wir als selbstverständlich, halten wir für nebensächlich oder unwichtig … und weil die wirklich großen Highlights, Höhepunkte eher spärlich auftreten, verlernen wir es, dankbar zu sein. Obwohl wir jeden Tag, ja beinahe jeden Augenblick Grund dazu finden würden.

 

Welche unscheinbaren Dinge sind das z. B.?

Das Wasser, das uns in unserem Land reichlich und in Topqualität zur Verfügung steht. Die Luft. Dass wir aus einer Vielfalt von Nahrungsmitteln reichlich auswählen können. Dass es medizinische Versorgung gibt, wenn wir sie brauchen.

Oder dass wir eben meistens keine brauchen, weil wir schmerzfrei stehen und unsere 5 Sinne gebrauchen können.

Das freundliche Grüßen der Nachbarn. Das Schnurren der Hauskatze. Unser Zuhause. Der Ehepartner. Die Kinder und Enkel, Freunde, der Verein, ein kleines Geschenk, ein Lächeln, ein  bereinigtes Missverständnis, jedes Dazulernen, kleine Zufälle, die uns erfreuen und drauf aufmerksam machen, dass da im Universum jemand ist, dessen Liebe uns voll Macht ununterbrochen wirksam umgibt und begleitet …

Liebe Brüder und Schwestern, Jesus möchte uns vermitteln:

Gott will uns glücklich haben.

Wenn wir achtlos durch den Alltag gehen, oder noch schlimmer, immer bejammern, was alles nicht funktioniert, nicht da ist, lästig oder furchtbar … dann verlernen wir nicht nur dankbar zu sein, sondern kommen in so eine Grundhaltung hinein: als ob immer alles zuwenig wäre. Als ob wir ja so arm wären …

Gott will, dass wir uns reich beschenkt fühlen, was wir ja auch tatsächlich sind.

 

Die Welt ist nach menschlich bürgerlichen Maßstäben unperfekt. Aber genau das macht sie wunderbar. Gott hat keinen englischen Rasen geschaffen, sondern wildwuchernde Pracht und Herrlichkeit. Es wächst sozusagen im Garten, auf den Wiesen und überall weitaus mehr, als wir in unserer Kleinkariertheit und Engstirnigkeit für nützlich halten. Die Schöpfung verdient es, dass wir ununterbrochen staunen und uns freuen.

 

Eine kleine Übung zur Steigerung unseres Glücks schlage ich Ihnen heute vor:

Suchen wir uns wie die Kinder heute an jedem Abend drei Dinge, für das wir dankbar sind. Fangen wir noch heute damit an. Und sprechen wir unseren Dank auch aus – Gott gegenüber und den Menschen, von wem halt gerade etwas Gutes kommt.

 

 

 

 

Die Predigt:

 

 

Hier meine aktuelle Predigt zum Erntedankfest in der Pfarre Pucking.

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

 

Heute sind Kinder eingeladen, etwas in den Gottesdienst mitzubringen, wofür sie dankbar sind. Eine Sache oder eine Zeichnung …  

Wenn Sie das jetzt und hier machen müssten: Was würden Sie mitbringen und vor den Altar legen?

  • Manche sind dankbar für das Gesundwerden nach einer Krankheit, das Gelingen einer Operation.
  • Manche für den schönen Urlaub
  • Oder für das Schlichten eines Streits
  • Einen beruflichen Erfolg
  • Den Abschluss einer Bausache
  • Es gibt aber auch das ganz normale, kleine, für das wir dankbar sind: Kinder: dass mich Mama oder Papa in der Früh immer so lieb aufwecken; dass der Freund immer Zeit hat, mit mir Ball zu spielen, dass in jeder Jahreszeit ein anderes Obst immer gerade frisch reif ist – für einen freien Parkplatz – für einen freundlichen Grußdie neue Blüte am Blumenstock …

Es kann etwas ganz Kleines sein, das Außenstehenden banal vorkommt, nicht der Rede wert.

 

Jesus redet im heutigen Evangelium von Wiesenblumen und Singvögeln… wer schenkt denen besondere Beachtung? In unserer Welt kann man damit rechnen, dass belächelt wird, wer sich etwa mit Gänseblümchen und Rotkehlchen beschäftigt. „Was, für des hat der/die Zeit …? Hat der nichts Besseres zu tun?“

Schauen wir einen kleinen Vogel oder nur einen Grashalm an, entdecken wir, das da Spitzenqualität dahintersteckt, Es ist gut, wenn wir staunen – und offene Augen bekommen für alles andere oft Kleine, Zufällige, Geschenkte … Schöne … im Leben.

Viele Menschen können nicht mehr danken.

Es wird nur mehr in Ansprüchen gedacht, die man hat, die Werbung erzieht uns so, dass wir ständig das Neueste und Beste unverzüglich haben müssen …

Oder Gott und seine Wirklichkeit werden vollkommen ausgeblendet.

Im Evangelium steht ja: sorgt euch nicht ängstlich.

Angst kommt von „Enge“. Engstirnige Menschen haben keinen Blick für die Fülle der Realität: Sie nehmen nicht wahr, wo überall eigentlich Gott für sie sorgt, sie meinen, sich um alles selber und eigenhändig kümmern zu müssen  – und: Sie sehen nicht, wo andere Menschen durch ihr Verhalten, durch ihr Gewinnstreben Schaden erleiden.

Jesus sagt: Um die Sorge, was soll ich essen, trinken, anziehen … usw. geht es den Heiden.

Ein Heide ist ein Mensch, der bewusst sein Leben ohne Gott gestaltet.

Ich glaube, Jesus möchte uns das lehren, da ist immer einer, der uns verwöhnt. Der Sündenfall bestand darin, plötzlich zu befürchten, Gott meint’s nicht gut mit uns – und sich von dieser Angst leiten zu lassen.

 

Wer in dieser Grundhaltung lebt, hat es eben dann nötig, fieberhaft nach immer mehr Gewinn und Geld zu streben – es gibt diese Menschen, die dem „Mammon“ dienen – wo alles andere wurscht wird: die Zerstörung der Natur – dass andere um ihre Lebensgrundlage gebracht werden: Indianervölker am Amazonas oder Xingu. Arbeiterfamilien weil sie auf Plantagen in Lateinamerika oder in Fabriken im Fernen Osten nicht so viel verdienen, dass sie davon überleben können. Wo in reichen Ländern das Kapital arbeitet – und Stellen abgebaut, Sozialleistungen zurückgefahren werden – selbst gönnt man sich alles, ist nicht einmal bereit, für die Profite Steuern zu zahlen, aber am einfachen Menschen muss gespart werden … Wo die unmittelbare Mitmenschlichkeit, Mitleid, nicht mehr vorkommen: Wo Menschen ermordet werden, damit der Diktator an der Macht bleiben kann. Die meisten haben sich sinnlos bereichert auf Kosten des Hungers und des Elends ihrer eigenen Bevölkerung. Es werden unmenschliche Gesetze geschaffen, damit man Asylsuchende nicht aufzunehmen braucht.

Menschen verhalten sich so, nicht weil sie bewusst bösartig sein wollen. Man glaubt nicht, anders durchkommen zu können. Alles vor lauter Angst: Als Politiker nicht mehr gewählt zu werden, als Österreicher, zu kurz zu kommen, etwas hergeben zu sollen …

 

Liebe Feiergemeinde, wir sind heute eingeladen, von den Kindern zu lernen.

Statt zu jammern über Entwicklungen, die die ganze Welt betreffen … Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung, Überalterung der westlichen Welt, Kriegsgeschehen und Migrationsbewegungen, Wirtschaftscrash, das Ende des Erdöls…  ist es doch viel besser auf die Innovationskraft des Heiligen Geistes zu vertrauen, dass es Wege und Mittel und Möglichkeiten gibt, die wir bloß noch nicht sehen oder die wir nicht sehen wollen, weil sie zu ungewohnt oder zu banal scheinen …

Suchen wir uns wie die Kinder heute an jedem Abend drei Dinge, für das wir dankbar sind. Fangen wir noch heute damit an. Und sprechen wir unseren Dank auch aus – Gott gegenüber und den Menschen, von wem halt gerade etwas Gutes kommt.

 

 

 

Entscheidungshilfen nach Ignatius von Loyola:

 

  1. Entscheidungen treffen, wenn es dir wirklich gut geht.
  2. Nie im Stress entscheiden, sich nicht drängen, hetzen, nötigen lassen, keine Ultimaten akzeptieren bzw. sich selber stellen. Sich Zeit lassen. Jedoch: Sich eine Frist setzen, wann man sich entschieden haben wird.
  3. Gott die Sache darlegen.
  4. Sich über Sachfragen, Hintergründe usw.der Alternativen gründlich informieren.
  5. Punkte sammeln, die jeweils für und gegen die möglichen Alternativen sprechen.
  6. Möglichkeiten suchen, an die man noch nicht gedacht hat (also nicht nur zwischen A und B entscheiden,sondern C, D, … usw. suchen)
  7. Die Möglichkeit, die am seltsamsten ausschaut, ernsthaft in Erwägung ziehen.
  8. Die Möglichkeit, die schwieriger ist, ernsthaft in Erwägung ziehen.
  9. Sich vorstellen: Welche Entscheidung würde Jesus treffen?
  10. Noch einmal drüber schlafen. Vor dem Einschlafen um den Heiligen Geist bitten. Was beim Aufwachen als Bauchgefühl gut ist, ist meistens richtig.

 

Und: Schreibt mir, welche Erfahrungen ihr damit gemacht habt!

Danke!

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Aha, da lobt also Jesus einen unehrlichen Verwalter, stellt ihn sogar als Vorbild hin – was soll das jetzt?

Schauen wir uns das Evangelium genau an:

Jesus lobt nicht die Unehrlichkeit, sondern die Klugheit.

Der Verwalter ist klug:

Er jammert nicht, dass er seinen Job verliert. Er macht das Beste draus.

Er verschließt auch nicht die Augen vor den unangenehmen Tatsachen des Lebens. Aha, der Chef entzieht mir sein Vertrauen, die Kündigung steht vor der Tür – und er überlegt sich etwas, umgehend, und handelt – mutig und unkonventionell.

Das sollen wir auch tun.

Wenn eine Entscheidung von uns verlangt wird, wenn Gefahr droht, eine Veränderung sich abzeichnet: das ernst nehmen. Nicht zuwarten. Obs vielleicht eh nicht kommt oder nicht so schlimm sein wird wie es ausschaut. Mit dem Ernstfall rechnen.

Da2. Nicht jammern, nicht in die ungesunde Opferhaltung verfallen – ja, ich bin ja so arm, der Chef ist ja so ungerecht, …

Sondern die Energie auf das richten, was möglich und machbar ist, das eigene Überleben sichern.

Er macht sich beliebt bei den Schuldnern seines Herrn, damit er dann gute Aufnahme findet.

 

Sollen wir also – wie im Evangelium geschildert – uns strafbar machen?

Rät Jesus dazu, das Gesetz zu übertreten, wenn es drauf ankommt?

 

Denn: nach dem bürgerlichen Gesetzbuch hat der Verwalter sich unzweifelhaft strafbar gemacht.

Da ist es ein Wahnsinn, was er treibt, und das Gefängnis ist ihm sicher.

 

Die Juden hatten ein Gesetzbuch, und wir haben es auch. Im AT – sogar mit dem Anspruch, göttliches Recht zu sein.

Und in diesem göttlichen Recht in der Tora steht: dass Schulden dem Verleiher 1. Keine Zinsen einbringen dürfen, vom Volks- und Religionsgenossen darf man keinen Wucherzins verlangen.

Und 2. Sind Schulden nach 7 Jahren zu erlassen, d.h., sie verfallen, brauchen nicht zurückgezahlt zu werden, wenn der, der sich verschuldet hat, es nicht schafft.

Der sinn dieser Regelung ist, dass keine Armen entstehen, dass jeder immer wieder die Chance auf einen wirtschaftlichen Neubeginn erhält.

Alle 50 Jahre mussten Sklaven freigelassen werden.

 

Der Verwalter im Evangelium erlässt offenbar genau die Schulden, die zu Unrecht entstanden sind. D. h., dass er in Gottes Augen dem eigentlichen Recht zur Geltung verhilft.

So ist er zwar illoyal dem Arbeitgeber gegenüber, sehr wohl aber erfüllt er das Gebot Gottes. Er gibt zurück, was den Schuldnern gar nicht erst abverlangt werden hätte dürfen.

 

Es geht wieder einmal darum, die Prioritäten festzuhalten.

Das was im bürgerlichen Gesetzbuch steht, kann unter Umständen dem göttlichen Recht, der Ordnung Gottes zuwiderlaufen. Es ist nicht die oberste Instanz. Nicht einmal Gesetzesvorschriften. Nicht der Chef, der Herr, der Arbeitgeber ist letzte und oberste Instanz.

Da gibt’s noch mehr.

 

Wenn wir unsere weltweite Wirtschaftsordnung anschauen: Die Länder der sogenannten 3. Welt oder auch Schwellenländer wie Brasilien zahlen seit den 70er-, 80er- Jahren des vorigen Jahrhunderts Schulden zurück. Aufgrund der geltenden Zinssätze zahlen sie seit vielen Jahren nur mehr die Raten der Zinseszinsen – weil mehr gar nicht drin ist. Rechnet man alle bisher getätigten Zahlungen zusammen, stellt sich heraus, dass die ursprüngliche Kreditsumme bereits mehrfach zurückgezahlt wurde, oft mehr als 10 Mal.

Die Schulden werden aber immer mehr, weil sich die Zinsen immer draufschlagen und ständig vermehren. Es müssen – und wurden auch – weitere Kredite aufgenommen werden, nur um die Zinszahlungen bedienen zu können. Es ist ein Fass ohne Boden.

Dasselbe gilt übrigens für an sich reiche Länder wie Österreich. Nach dem Gesetzbuch ist das alles rechtens, man hat seine Schulden doch einfach zurückzuzahlen, nicht wahr?

Mit einer Spur von Hausverstand und einem Funken Anstand wäre klar: So kanns nicht gehen, ein genereller Schuldenerlass wäre das einzig Richtige.

 

Aber die Gier, die Aussicht, immer noch mehr und mehr zu bekommen, ist stärker – auch angesichts der Maßnahmen, die nötig sind, um den Klimawandel aufzuhalten. Wenn ich auf etwas verzichten muss – dann lieber Augen zu.

 

So, und jetzt noch einmal zurück zur frohen Botschaft, die im heutigen Evangelium steckt.

Jesus empfiehlt: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons.

Der Stellenwert des Geldes, seine Aufgabe: Freude machen. Helfen, gutes Leben garantieren, Zusammenhalt fördern.

Und: Nein, die Armen sind in den Augen Jesu nicht von vornherein die besseren Menschen. Sie haben bloß eine Möglichkeit weniger, sich falsch, sündhaft zu verhalten.

 

Können wir aus dem Evangelium etwas lernen?

Jesus lobt hier nicht die Gaunerei eines Angestellten, er lobt, dass für die, denen Schulden erlassen werden, nun mehr Raum zum Leben ist. Und genau darum geht es: Geld, Talente, Macht nicht zu raffen, sondern als Mittel zu sehen, Gutes zu tun. Schauen, dass alle leben können.

 

zur Inspiration – aus dem KFB-Brief der Diözese Linz, Sep. 2019, vgl. S. 10

 

 

Wir sind Frauen mit vielfältigen Begabungen, Fähigkeiten und Stärken.

Wir leben heute in einer Zeit großer gesellschaftlicher Herausforderungen und Umbrüche.

Wir leben in unserer Kirche, die uns Gemeinschaft und Freude schenkt,

die uns Halt gibt und mit Zuversicht in die Zukunft schauen lässt.

 

Doch vieles passiert in unserer Kirche, an dem Menschen leiden.

Für viele Menschen ist Kirche nicht mehr Heimat.

Vor allem Frauen verlassen sie;

Es gibt Krisen, Missstände, Missbrauch – oft werden keine klaren Worte gefunden;

Es gibt Verletzungen, eine harte Sprache, die wehtut.

Menschen fühlen sich vielfach nicht mehr wahrgenommen mit ihren Sorgen und Nöten.

 

Unser Blick richtet sich auf Jesus Christus, sein wertschätzendes Interesse an den Menschen und besonders an den Frauen;

Sein liebevolles, heilsames Wirken;

Seine klaren Worte, sein solidarisches Handeln an den Ausgegrenzten, an den Menschen an den Rändern der Gesellschaft.

 

Im Blick auf diesen Jesus und im Bewusstsein, von ihm begleitet zu sein,sind wir als wanderndes Volk Gottes auf dem Weg.

Wir sind unterwegs mit allen Menschen, mit den Priestern und Laien,

wissend, dass wir als getaufte und gefirmte Frauen Kirche sind –

un d so als Teil der Kirche Anspruch haben auf Teilhabe.

 

Uns Frauen ist es ein Anliegen und Wunsch,

am gemeinsamen Haus Kirche im Geiste Jesu mitzubauen.

Offenheit und Ehrlichkeit im gemeinsamen Tun walten zu lassen,

einander zu bestärken, aus Krisen herauszuführen und neu zu beginnen;

auf die Menschen zu schauen,

wohin ihre Sehnsucht führt, mitzugehen,

aufmerksam auf Brüche hinzuschauen und sie zu benennen,

angenommen zu sein als Mensch, der ich bin,

fallen zu dürfen und ohne Scham wieder aufzustehen

einander zu ermutigen und die Charismen zu leben.

 

Als geisterfüllte Frauen leben wir aus unseren spirituellen und geistlichen Quellen,

getragen von einer Spiritualität der Gnade und Barmherzigkeit, Zärtlichkeit und Kraft.

Wir leben und feiern unseren Glauben, wie es uns Frauen entspricht.

Wir reden von einem Gott, der die Liebe ist,

der uns in der Bibel in vielfältigen Bildern begegnet

und uns Mutter und Vater, Freundin und Freund, Geistin, Urgrund, Quelle des Lebens … ist.

 

Wir Frauen wünschen uns für die Zukunft:

Gleichberechtigt und partnerschaftlich am Leben der Kirche teilzuhaben und sie mit unserer Frauenkraft mitzugestalten.

 

Möge der Gott des Lebens und der Liebe in uns die Sehnsucht wachhalten,

uns immer wirksamer für eine solidarische, gerechte Welt einzusetzen

und Gottes Güte in unserer Kirche immer stärker spürbar werden zu lassen.

Kfb steiermark Maria Magdalena Feiner, Lydia Lieskönig

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

 

Aha, möchte Jesus etwa, dass wir unsere Familien nicht mehr wichtig nehmen, dass wir zwischenmenschliche Liebe geringschätzen usw.? Oder wie sollen wir das heutige Evangelium verstehen?

Auf jeden Fall dürfen wir davon ausgehen, dass es sich um ein Evangelium, um FROHE BOTSCHAFT handelt. Und nicht um Drohbotschaft, etwas Negatives oder Furchtbares…

Zur Zeit Jesu – ein orientalisches Land des Altertums – war Familie ALLES. Maßgebliche Lebensgrundlage, Basis von allem. Ohne Familie ging nichts, war eine einzelne Person nichts, man kam nicht aus.

Jesus hat ja selber Anstoß erregt, weil er alleinstehend lebte, sich aus seinem Familienverband gelöst hat – und die JüngerInnen zum gleichen veranlasst, ermutigt hat.

Familienbindungen können aber auch in unserer Zeit dem Heil des Menschen, dem Guten, einer guten und heilsamen Entwicklung durchaus entgegenstehen.

Und da brauchen wir nicht zum Extrembeispiel der Mafia zu gehen, wo die famiglia das gesamte Leben bestimmt und anordnet, kontrolliert…

Da leuchtet uns ein, dass Familie auch etwas Schädliches sein kann.

Oder die Familienfehden, die durch Zuwanderer aus Türkei, Bosnien und Serbien in unser Lsnd getragen werden, wo im Namen der Familienehre Menschen ermordet werden, weil sie sich nicht fügen wollten – dem, was familienüblich ist, jemand anderen heiraten, Mädchen einen Beruf lernen, der ihnen Freude macht, Frauen sich scheiden lassen usw. –

Es gibt weit subtilere Formen familiärer ungesunder Einflussnahme.

Wir kennen die Witze über ewige Junggesellen, die als Muttersöhnchen nie selbständig werden können oder dürfen, nicht heiraten oder keinen eigenen Hausstand gründen, das Leben nicht selbst in die Hand nehmen. Ich hatte selber eine Tante, die es nicht hinterfragt hat, dass ihr die Mutter 2 x verboten hat, mit einem jungen Mann, den sie kennenlernte, auszugehen geschweige an eine Heirat zu denken.

Oder die krankhaften Abhängigkeiten, die häusliche Gewalt schafft – da ist es tatsächlich nur möglich, zum Glück zu gelangen jenseits und außerhalb von Vater und Mutter, Geschwistern und Ehegatten.

Froh- und freimachende Botschaft ist es, wenn solchen Menschen endlich jemand sagt: Deine Familie ist nicht die letzte Instanz. Es gibt Wichtigeres und Richtigeres, als dein Vater, dein Ehemann sagt. Die Familientraditionen sind nicht unumstößliche Lebensnorm für immer und ewig.

Der oberste Herr – ja, und es ist wieder verfänglich, von Gott als vom Herrn zu sprechen – also oberste und letzte Instanz ist woanders ist die Mutter, der Papa, Freund und Freundin der Menschen im Himmel …

 

Und beim Besitz ganz ähnlich.

Wo es ums Geld geht, vergessen Menschen mitunter sehr rasch, wo die oberste Norm läge.

Und wenn wir versucht sind, dabei gleich an die ganz Großen in Wirtschaft und Politik zu denken, die lieber die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstören, Stichwort Amazonas, als zuzugeben, dass ihr Konzept falsch ist, dass sie sich geirrt haben und statt auf den großen Luxus zu verzichten, ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis:

 

Ich stamme aus St. Pölten.

Viele Studenten fuhren täglich mit dem Zug nach Wien oder Krems zum Studieren, wozu man eine Freifahrtsausweis bekam.

Andere wohnten in einem Studentenheim, dann hatte man kein Recht auf die Freifahrt.

Eine Freundin aus der gleichen Jugendgruppe der Pfarre ging auf die Pädak nach Krems und wohnte unter der Woche auch dort. Ihr Vater, angesehener Geschäftsmann und Pfarrkirchenrat, hielt es für selbstverständlich, dass seine Kinder – meine Freundin hatte noch drei Geschwister – die Freifahrt beanspruchten. So hammas auch wieder nicht, dass wir nicht nehmen würden, wo sich uns etwas bietet, war sein Motto.

 

Ein bisschen tricksen da, ein kleiner Vorteil dort …

Man bekommt schließlich nichts geschenkt … Oder?

Dies Grundhaltung, die dahintersteckt, ist leider wirklich ein Mangel an Vertrauen Gott gegenüber.

Doch, möchte ich behaupten, wir bekommen etwas geschenkt. Und zwar alles und immer.

 

Liebe Brüder und Schwestern, für das Reich Gottes schenkt uns Jesus das große Vertrauen in Gott und die gewaltige Erleichterung, dass nicht Staatsformen, Religionsoberhäupter, Clanchefs, gesellschaftliche Traditionen oder Wirtschaftsbosse … das letzte Wort haben, sondern dass dieses nur Gott zukommt, der über ihnen steht.

Nehmen wir uns eine Minute Zeit der Stille und lassen wir dies auf uns wirken.

Kann sein, dass wir da und dort ein Aufatmen hören in unserer Kirche.

 

Wegen meines arbeitsintensiven Dienstsantritts als Pfarrassistentin in den Haid und Pucking erst heute die Predigt zum vorgestrigen Sonntag:

 

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder!

 

Nach oben buckeln, nach unten treten. Diesen Spruch haben Sie sicher schon öfter gehört – und es beschreibt treffend das Verhalten mancher Menschen – und es ist kein Kompliment.

 

Geschichte vom Portier

 

Vor einigen Tagen war erst der G7-Gipfel, und in den Zeitungen wurde unter anderem kommentiert, wer neben wem saß und wie lange und warum …

Und bei uns im Kleinen und in der Öffentlichkeit ist oft zu bemerken, wie jede vornehme Zurückhaltung schlagartig und restlos verschwindet, sobald es zum Sturm auf die Futtertröge, in die Medienberichte oder sonst auf die besten Plätze geht.

Zur Zeit Jesu gab es das genauso wie heute – und zu allen Zeiten, die dazwischen liegen.

Ich weiß nicht, ob es ein Trost ist, dass auch die Pharisäer nicht anders gehandelt haben – die Elite der Frommen und (religiös) Gebildeten damals, – oder ob wir uns aufgrund dieser Tatsache eher schrecken sollen.

 

In der Kirche ist es nicht anders – obwohl in den letzten Jahrzehnten weit besser geworden und obwohl Papst Franziskus eine ganz andere Sprache spricht.

Zumindest hat er diese ganzen überflüssigen Ehrentitel Monsignore, Geistlicher Rat usw. abgeschafft.

Man könnte jetzt solches Gehabe auch ganz lustig finden, Prof. Nemecek hat den Begriff „Knopflochrotlauf“ erfunden, Kleider- und Rangordnung, Titelsucht usw. … wenn nicht eine ganz reale Gefahr dahinterstünde: Nämlich die, dass Menschen, die sich in diesen Systemen an den oberen Plätzen befinden, tatsächlich oft überheblich auf die da unten herabschauen – und sich besser vorkommen, als die besseren Christen, die besseren Menschen, die fitteren, gesünderen, Tüchtigeren, Fähigeren … Beliebteren, Schöneren, Reicheren die, die es „geschafft“ haben, eben.

Im religiösen Bereich fühlt man sich dann näher bei Gott, würdiger, spiritueller, geistig entwickelter, intelligenter, gebildeter usw.

 

Und da wird uns klar, warum Jesus so ein Verhalten kritisiert. Nicht, weil er Menschen herabsetzen will – ja, wir haben diese Redewendung, es ist genau diese Situation gemeint, jemanden an einen schlechteren Platz, weiter unten an der Tafel, zu platzieren -, nein, Jesus, der für Gott spricht, möchte alle an den besten Platz holen, einladen, gerade und vor allem die, die im normalen Leben übersehen, ausgegrenzt, schief angeschaut, verachtet werden, keine Geltung haben, die die vornehme Welt nicht dabei haben will.

Die Unsichtbaren sichtbar machen, ihnen den zustehenden Wert als Kinder Gottes, die Würde des guten Platzes geben.

 

Wir erinnern uns wahrscheinlich, dass Jesus in einer ähnlichen Situation an seine JüngerInnen die Parole ausgibt: „Bei euch aber soll es nicht so sein.“

 

Für die neue Ordnung, die er zu schaffen gekommen ist, im Reich Gottes, haben andere Maßstäbe zu gelten.

Ich vermute, dass Sie hier in der Pfarre Haid diese Maßstäbe Jesu leben.

Wo alle gleich wertvoll sind, gleich geachtet und willkommen beim Gottesdienst, bei Festen, beim Mitarbeiten und Mitgestalten in der Pfarre.

Arbeiter/innen und Chefs, Chefinnen. Geschäftsleute und Putzfrauen. Lehrer und SchülerInnen. Ingenieure und Hausfrauen. Bankangestellte und Arbeitslose. Lehrlinge und Pensionisten.

Bei Gott hat niemand, wer er auch sei, dem anderen etwas voraus.

Und zwar deswegen, weil jedem/r einzelnen das volle Maß, die unmittelbare Nähe und Freundschaft bereits geschenkt sind. Mehr geht nicht.

Ich in meiner Funktion als Leiterin und Seelsorgerin möchte Helfen, dass wir alle hier in Haid diese Geschenke – das volle Maß des Heils – annehmen und verwenden.