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Predigt Christkönigsonntag 2025

Liebe Brüder und Schwestern!

Könige – die gibt es bei uns heutzutage nicht mehr.

Höchstens in manchen Illustrierten, die so tun, als ob echte und vermeintliche Skandale diverser europäischer Königshäuser irgendwen interessieren… ein künstliches Interesse an Hochzeiten, Kindersegen und Krankheiten wach halten…

Könige mancher Filme, die eher als degenerierte Witzfiguren in Erscheinung treten…

Oder es fallen uns die Herrscher der sogenannten guten alten Zeit ein, der Sagen und Märchen, die weisen und gütigen, wo alle anderen Untertanen sind, und nichts zu lachen haben, wenn der König zufällig einmal weniger weise und gütig ist – und sich nur durch Gewalt und Unterdrückung an der Macht halten kann… Wer spürt, die eigene Position ist angemaßt, muss Opposition verfolgen… da ist man dann heilfroh, in einem demokratischen Land zu leben.

Diese Königs-Erfahrungen haben leider auch unser Gottesverständnis geprägt. Die Menschen haben sich ein Bild gemacht – auch der beste der tatsächlichen Herrscher war ein Mensch mit Fehlern, und wir haben angst, Gott könnte einem solchen ähnlich sein, tyrannisch, undurchschaubar, willkürlich, rachsüchtig…

Solche Gottesbilder hindern uns am Glauben.

Ich habe den Eindruck, Gott tut das ganze AT hindurch nichts anderes, als durch den Mund der Propheten diese allzumenschlichen Vorstellungen aufzusprengen, zu widerlegen. Weitgehend ohne Erfolg. Die guten Gegenbilder – Gott als Vater, Mutter, Suchender, Tröstender, Liebender…

Bis er selber kommt, in Jesus – Jesus, die Verkörperung all dessen, die Inkarnation. Ja, auch der König, so wie ihn sich Menschen erträumt haben und wie es kein menschlicher König zustandebringt…

Der Vorbild ist im Guten, der allen voraus ist in Güte und Weisheit, wo das Kleine und Schwache Platz haben… vielleicht denken wir an Jesaja: Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Ja, er bringt wirklich das Recht. Durch Beispielwirkung, nicht gewaltsam – weil er die Verantwortung und Sorge trägt, seine Krone aus Dornen drückt und sticht, ist Belastung, nicht Schmuck und Rangabzeichen wie bei den Königen, die keiner mehr ernst nimmt… der König, der sich lieber umbringen lässt als seine Botschaft – Liebe – zu verleugnen.

Der eine der beiden Männer, die neben Jesus gekreuzigt werden, kommt in diesen Stunden des qualvollen Sterbens drauf: So nicht wie bisher, vermutlich waren beide Freiheitskämpfer, die eben auch Römer und Kollaborateure überfallen, umgebracht, ausgeraubt haben… der eine denkt um, der andere verharrt in seiner Enttäuschung: der politische Messias, ein neuer irdischer König David, wäre ihm lieber gewesen, an so einen Schwächling glaube ich nicht, verschwende ich keinen Gedanken, wenn du der Messias bist, dann hilf dir und uns…

Der andere bekommt eine Ahnung von Gottes Wirklichkeit – und erlebt gleich noch mehr davon, wie dieser Jesus ist: er tröstet, hilft, richtet auf, noch am Kreuz.

Ist das nicht ungeheuer befreiend für uns?

Nicht Macht, Gewalt, Unterdrückung, Berechnung, Hierarchien, menschliche Strukturen in Erfolg-Misserfolg, Arm-Reich,—  werden sich im letzten durchsetzen, sondern das Gute, Barmherzigkeit, Recht, Hilfsbereitschaft, Geduld, Durchhalten, zweckfreie Zuwendung… Gott selber hat es bewiesen, worauf es ankommt.

Liebe Brüder und Schwestern, wir sind Jesu Königsgeschwister – wir sollen ein bisschen so sein wie er, an ihn erinnern, ………… Wir haben Anteil an seiner königlichen Würde. Besonders dann, wenn uns unsere kleine Königsgeschwisterkrone drückt und sticht: die Verantwortung, die wir übernehmen für Mitmenschen in der Familie, im Betrieb, in der Freizeit, in Gesellschaft und Politik. Die Arbeit, die wir uns antun, weil wir helfen, uns engagieren für gesunde Umwelt, für Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden…

Wenn wir mehr arbeiten als andere, weil wir nicht Dienst nach Vorschrift machen, nach Minimalanforderung, sondern putzen, kochen, reparieren, erziehen und unterrichten, bauen, pflegen, kaufen und verkaufen, planen und verwalten als Stellvertreter und Stellvertreterinnen unseres Herrn, vor seinem Angesicht, als ob er selbst es tun würde. Dieser Einsatz bedeutet mühsame Kleinarbeit, manchmal auch Spott und Verfolgung.

Und immer wieder ist es auch so, dass unser Einsatz keinen Erfolg hat, dass etwas völlig misslingt.

Könige wurden im AT gesalbt, man hielt ein Sakrament, könnten wir vergleichsweise sagen, für nötig, die besondere Begleitung und den Schutz und Segen Gottes, damit sich ein Mensch – und ein Mensch ist fehlbar und angefochten – überhaupt diesen Anforderungen stellen kann…

Wir sind getauft, gefirmt – mit hl. Öl gesalbt, dieses Sakrament, das uns Verantwortung tragen hilft, gibt es, genau dadurch sind wir ja Jesu Geschwister, wir Christen…

Indem wir diese Verantwortung übernehmen, wird Gottes Weltanschauung auf dieser Erde nachhaltig bekannt gemacht – und seine Königsherrschaft hält Einzug, immer wieder ein Stück mehr. Glauben wir daran.

Vergangenen Samstag beim Ritual zu Allerheiligen/Samhain äußerte eine Teilnehmerin: „Also, dieses ganze Gerede in der Kirche von Himmel-Hölle-Fegefeuer zu Allerheiligen und Allerseelen, das kann ich nicht mehr hören, diese Angstmacherei; das wird jetzt wieder ärger als es schon einmal war – wie im Mittelalter!“

Woher kommt diese wahrscheinlich allen bekannte Vorstellung? In der Bibel finden wir sehr wenig; da geht es um den gerechten Ausgleich, um Belohnung für Gutes und Bestrafung für Böses und um die Auferstehung der Toten. Also: woher?

In der griechisch-römischen Antike gab es zwei große Dichtungen, die damals in den besseren Gesellschaftsschichten jeder männliche Jugendliche in der Schule lernen musste: Homers Odyssee und Vergils Aeneis. In beiden Dichtungen unternimmt der Titelheld jeweils eine Reise in die Unterwelt, um dort bestimmte Verstorbene zu treffen und von ihnen Informationen einzuholen. Vergil hat dabei die Schilderung Homers praktisch 1:1 übernommen. Aus meiner schamanischen Erfahrung handelt es sich jeweils um schamanische Reisen unter Führung durch die Seherin Pythia.

Die Unterwelt wird als dreigeteilt beschrieben: Elysium für besonders verdienstvolle Menschen; Tartaros als Bestrafungsort für extreme Verbrecher; neutrales Schattenreich für die „Unauffälligen“, die NormalverbraucherInnen.

Zwei Dinge geschahen:

Die sogenannten Kirchenväter, gebildete Männer wie z. B. Augustinus, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums Theologie entwickelten, kannten aufgrund ihrer römischen Bildungslaufbahn diese Vorstellung, die der Bibel auch nicht widersprach und plausibel klang.

Im Mittelalter verwendete Dante Alighieri die Beschreibung Homers und Vergil, formte sie ein wenig um, „erfand“ das Fegefeuer – und die abendländische Kultur übernahm das Paradigma als theologische Wahrheit.

Früher als jede institutionalisierte Religion prägte das schamanische Weltbild die Spiritualität der Menschen – weltweit. Darüber erfahrt ihr morgen mehr.

Na servas …

Wir denken doch: Jesus bringt Harmonie, Frieden – durch eine christliche Einstellung wird alles besser, auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen.

Und das soll jetzt doch anders sein?

Überlegen wir einmal:

Jesus sagt da etwas, worüber erst die Psychologen des 20. Jahrhunderts sich sprechen getraut haben.

In Familien ist nicht alles in Ordnung, es kann sogar ziemlich extrem zugehen. Und da brauchen wir nicht sofort an Straftaten denken wie Missbrauch, Gewalt, Misshandlung, Freiheitsentzug usw. Oder an verbrecherische Strukturen – die „famiglia“ bei der Mafia z. B.

In jeder Familie gibt es Strukturen, die z. T. gewachsen sind, z. T. vererbt, übernommen wurden von Vorfahren. Meinungen, Handlungsmuster, Denkweisen, sogar Feindschaften – mit wem man redet und Kontakt pflegt, mit wem nicht, es bilden sich Hierarchien… Familienaufstellungen geben da mitunter Erkenntnisse, die für die Beteiligten schockierend sind. Man wird „betriebsblind“ und kann das für außenstehende Offensichtliche, wo es hakt, was im Argen liegt, nicht sehen.

Wenn dann ein Familienmitglied beginnt bewusst hinzuschauen, wenn Werte neu gelernt werden – und das haben Menschen damals durch die Frohe Botschaft Jesu, durch Orientierung an seinem Beispiel, durch die Predigt der JüngerInnen erlebt -: dann stößt dieses Neue auf Widerstand.

Denken wir nur an unsere eigene Vergangenheit in Mitteleuropa: Wenn da die Erleuchtung kommt: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren – und auf die starre Tradition einer alteingesessenen Adelsfamilie prallt…

Oder denken wir an die heutigen Religions- und Kulturunterschiede – wenn da zwischen jungen Menschen Freundschaften entstehen, löst das nicht sofort helle Freude bei den Herkunftsfamilien aus…

Konflikte sind quasi vorprogrammiert…

Das Evangelium erspart uns solche Konflikte nicht. Ebenso wenig wie die Psychologie. Solche Konflikte sind heilsam und bedeuten einen Fortschritt. Wenn die Beteiligten gut damit umgehen, dazulernen.

Wo Wahres, Gutes, Schönes, Heilsames auf eine unterdrückende, ungute, krankmachende Struktur trifft, besteht immerhin jedesmal die echte Chance, dass sich das Bessere durchsetzt…

Und:

Dabei übrigens hilft uns die liebende Gottheit, die überaus interessiert ist an unserem Wohlergehen und unserer heilsamen Entwicklung und der der gesamten Menschheit, dabei hilft sie uns garantiert.

„Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel – weil wir so brav sind …“ oder strengstes Auswahlverfahren, dem kaum wer standhält, Prüfung auf Herz und Nieren …?

Was stimmt?

Gerade haben wir gehört: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen …“ – das deutet doch eher auf zweiteres hin, oder?

Ist das jetzt eine Drohbotschaft?

Will uns Jesus Angst machen?

Vielleicht hilft es uns weiter, anzuschauen, zu wem Jesus diese Worte sagt.

Und: Was Jesus noch alles sagt.

Es reicht keineswegs, mit Jesus gut bekannt zu sein – mit ihm gegessen und getrunken zu haben. Äußerlichkeiten spielen eine Rolle.

Das deutet darauf hin: Da fragt wer, der sich fromm fühlt, die jüdischen Gebote hält, sich für auserwählt hält, sich anstrengt – und eine Art Bestätigung hören will: ja, solche wie du – da gibt es eh nicht viele, denn die breite Masse schafft das nicht, …

Einer, der selbstgerecht auf die anderen herabschaut, die Zöllner und Sünder, die Heiden …einer, der genau weiß, wie die sich wohl gefälligst zu verhalten haben, damit sie ein Gott wohlgefälliges Leben führen …

Wir haben das auch bei uns:

Du musst: die Mundkommunion, knien bei der Wandlung, jeden Tag de Rosenkranz beten … unhinterfragt die Formen und Bräuche einer bestimmten Zeitepoche, des 19. Jh., für immer und ewig einzementieren, beibehalten …

Menschen, die voller Eifer dem Rest der Menschheit zeigen zu müssen glauben, wo es langgeht, denn wir haben ja recht, wir sind die nächsten Verwandten Gottes …

Machtmissbrauch ist das im geistlichen Sinn: du musst glauben und tun was ich sage, leben, wie ich es vorschreibe, damit du Gott gefällst, dazugehörst, ein guter Katholik bist …

Zu dem Sagt Jesus: Nein, so nicht. Bemüh dich du mit allen Kräften – hör niemals auf – oder fang wieder an, nach Gottes Willen zu fragen – und der sieht unter Umständen anders aus, als ihr in eurer Engstirnigkeit und Selbstgerechtigkeit für möglich haltet!

Es werden viele schon vor euch zu Gott gelangen, ihr werdet euch wundern, wer aller da dabei sein wird …

Jetzt kenne ich in meinem Bekanntenkreis kaum wen, der so ist.

Möchte Jesus uns auch etwas sagen?

Vielleicht: Es ist nicht „eh alles wurscht“ … Es macht Sinn, dahinter zu sein – auch im religiösen Leben. Sein Gewissen zu bilden, danach zu handeln, sich anzustrengen …

Im feuchtfröhlichen Lied geht der Text übrigens weiter: Wir kommen in den Himmel, weil wir so brav sind – das sieht sogar Petrus ein, …“

Nein, ich glaub im Gegenteil, der gute Petrus, gerade er, sieht das ganz und gar nicht ein. Er war nämlich einer, der in seinem Leben sich vehement für das eingesetzt hat, was er jeweils für richtig erkannt hat. Ihm war sicher nichts wurscht. Er hat sich engagiert, viel gemacht und dabei viele Fehler gemacht, und er hat daraus gelernt.

Ich habe bereits einmal von dem Spruch erzählt, den mein Großvater im Büro in der BH St. Pölten aufgehängt gehabt hat:

Wer arbeitet, macht Fehler.

Wer viel arbeitet, macht viele Fehler.

Wer wenig arbeitet, macht wenig Fehler.

Wer wenig Fehler macht, wird befördert.

Wer keine Fehler macht …                             ist ein fauler Hund.

Menschliche ängstliche Denkweise ist: Nur ja keine Fehler machen!

Wir werden nicht n den Himmel kommen, weil wir so „brav“ sind. Es ist hier nämlich nicht die alte mittelhochdeutsche Bedeutung gemeint, wo brav tapfer, tüchtig, engagiert, mutig meint.

In den Himmel kommt, wer Mut zum Fehlermachen bewiesen hat und weiter bereit ist dazu – sich und anderen Fehler zuzugestehen.

Wer glaubt, in den Himmel kommen zu können, sobald er/sie keine Fehler mehr hat, wird nicht hineinkommen. Ganz einfach, weil dieser Fall nie eintreten wird…

Aber: Wir können üben, uns auf die Denkweise Gottes einzustellen. Wir können üben und lernen, uns beschenken zu lassen – und anderen gegenüber großzügig zu sein.

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Kirche soll doch versöhnlich sein, Frieden stiftend wirken – oder etwa nicht?

Vielleicht müssten wir zuerst einmal definieren, was Frieden überhaupt ist. Ein Zustand, wo jeder hat, was er/sie braucht, und in dem Gerechtigkeit herrscht – alle gleich berechtigt sind, die Menschenrechte Geltung haben; mit freundschaftlichem Interesse der einzelnen aneinander, gegenseitiger Achtung und Hilfsbereitschaft. Und wo niemand Angst zu haben braucht vor irgendwelchen feindlichen Aktivitäten oder sonstigen Bedrohungen.

Was ist Frieden nicht?

Wenn einer um des lieben Friedens willen den Mund hält, die eigene Meinung nicht sagt, jedes Mal nachgibt, gute Miene zum bösen Spiel macht, Unterschiede oder Unterschwelligkeiten nicht wahrhaben will, wo es Anpassung um jeden Preis gibt, oder Nivellierung – der kleinste gemeinsame Nenner, wo auf das eigene nicht mehr geachtet wird, Oberflächlichkeit, Vereinnahmung … oder wo vieles wurscht wird, wo mans so laufen lässt und sich nicht einmischt.

Im religiösen Bereich, aber auch in dem politischer und gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten gibt es diese Verwechslung bei uns oft. Es ist „in“.

Es ist unsere Aufgabe als Christen, nicht alles ungefragt mitzumachen, was allgemein üblich ist.

Was Jesus da ausspricht, war in seiner damaligen Umgebung, Gesellschaft sensationell – unerhört.

Die Familie war im Judentum – und ist es noch – das Um und Auf. Nichts geht über die „Mizpoche“. Sippschaft. Wer da herausgefallen ist, war buchstäblich aufgeschmissen. Jesus lebt selber etwas anderes vor. Er selber hat die Verwandtschaft verlassen und auch seine Jünger.

Die frohe Botschaft heute ist auch, die Familie ist nicht das Wichtigste und nicht die letzte Autorität im Leben. Auch der nächste und liebste Verwandte darf nicht Gottes Stelle einnehmen, um den sich alles dreht, dessen Meinung man fraglos hinnimmt.

Achtung – das ist auch eine feministische Botschaft!

Wir sind als Menschen an sich unglaublich wertvoll, einzigartig, selbst verantwortlich, frei, Kosmopolitinnen…

Göttin stellt eine neue Ordnung her oder besser: macht auf die eigentliche Grund-Ordnung wieder aufmerksam. Jesus ist mit dem, was er sagt, heute wieder einmal unglaublich modern!

„Der schläft in der Pendeluhr!“

Sie kennen wahrscheinlich das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein. Das kleinste überlebt, weil es der böse Wolf in der großen Standuhr, wo es sogar einschläft, nicht finden und fressen kann, und rettet darauf seine Geschwister.

Was im Märchen positiv gemeint ist, drückt in der Redensart Kritik aus: Kritik an der Haltung, die sich irgendwo seelenruhig zurückzieht und dabei gar nicht mehr mitbekommt, was sich außerhalb, in der wirklichen Welt, tut.

Das Geschehen geht spurlos an dem vorbei, der „in der Pendeluhr schläft“.

Die Frage, die das Evangelium heute an uns stellt: Sind wir, oder doch manche Mitglieder der Kirche, der Amtskirche und auch viele gute Christen, nicht manchmal in der Gefahr, in der Pendeluhr einzuschlafen? In der Vergangenheit haben sich immer wieder kirchliche Kreise und Gruppen zurückgezogen, in die Innerlichkeit, in ein katholisches Milieu… in die heimelige Atmosphäre einer Pfarrgemeinde, … auch gegenwärtig ist das immer wieder einmal wo zu beobachten. Abkapselung von der Welt – oft große Glaubenskraft, die wir auch bewundern, aber doch wirken solche quietistisch angehauchte Menschen etwas seltsam auf uns.

Religion ist Privatsache – diese Meinung ist immer wieder zu hören.

Es kann sein, dass irgendeine Glaubenshaltung privat sein kann – christlich ist diese Einstellung jedenfalls nicht.

Und Jesus sagt uns ganz etwas anderes:

Die Ernte ist groß.

Zur Zeit der Abfassung des Evangeliums war das Endgericht gemeint, das man für die baldige Zukunft erwartete, für das die ersten Christen möglichst schnell viele Menschen für Gott gewinnen zu sollen glaubten.

Aber es stimmt auch für unsere Zeit, dass der Hunger und Durst der Menschen gewaltig ist – nach Gotteserfahrung, nach heilem, gelungenem Leben, nach Orten, wo mystische Erfahrung gemacht werden und Gottes Nähe und gute menschliche Gemeinschaft gespürt werden kann.

Unzählige wenden sich Angeboten der New Age-Szene zu: Meditation, verschiedene Heilmethoden, Gebetsformen, antike Kultformen, alles was irgendwie einen mystischen oder geheimnisvollen Klang hat, wird ausprobiert und zieht viele an.

Wir sollten angesichts dieser Tatsache nicht schimpfen oder verzagt sein, sondern und freuen, dass viele auf der Suche sind.

Wir sollten uns aber auch nicht verstecken mit dem, was wir Christen in der katholischen Kirche zu bieten haben. Das meiste, was in der spirituellen „Szene“ angepriesen wird, haben wir schon lange und schon längst, gehörte zeitweise und an manchen Orten zur christlichen Lebenskultur…

Ja: Gar nicht wenig haben sich neue religiöse Bewegungen von der Kirche mit ihrer langen und reichen Tradition abgeschaut.

Umgekehrt können wir leicht feststellen: Wo es christliche Angebote gibt, zeigt es sich ganz deutlich, dass suchende Menschen sie gern, ja freudig und begeistert annehmen.

Viele Exerzitien und Glaubenskurse, Bibelwanderwochen sind ausgebucht, ebenso das Gästehaus des Europaklosters bis Dezember…

Fragen wir uns: Weiß die Menschheit, dass wir Christen etwas zu bieten haben?

Ja, viele erwarten nichts Gutes mehr von der Kirche, weil sie im Lauf ihrer Geschichte zu oft wie Wölfe unter die Schafe gekommen ist, bei der Missionierung Lateinamerikas z. B. oder in Australien, wo es auch eher um wirtschaftliche und politische Interessen ging als um echte Bekehrung und wo die Ureinwohner als Menschen mindestens 3. Qualität behandelt wurden und fast ausgerottet mitsamt ihrer Kultur…

Aber jetzt und bei uns ist Kirche ganz normal und von Herrschaftsanspruch kann keine Rede sein.

Also: Wissen die Menschen, die in unserem Stadtteil leben, dass in unserer Pfarre das Heil zu finden ist? Wissen unsere Nachbarn, Arbeitskollegen und Vereinsfreunde…, dass Gott selber, Jesus Christus bei mir anzutreffen ist, weil er jeden glaubenden getauften Christen als Bruder begleitet?

Ist diese wunderbare Wirklichkeit uns anzumerken?

Liebe Brüder und Schwestern!

„Meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt …“, sagt Jesus im Evangelium zu den JüngerInnen und Jüngern. Er sagt es heute zu uns. Was meint er denn damit?

Frieden: da kann Verschiedenes damit gemeint sein – in unserer Sprache verwenden wir für alles dasselbe Wort.

Pax: Der Begriff aus dem Imperium Romanum, der römischen Weltmacht. Gemeint war: Ruhe und Ordnung, die durch ständige Gegenwart des römischen Militärs in sämtlichen Provinzen des Reiches hergestellt worden war – und aufrecht erhalten wurde mühsam, mit strengem Durchgreifen, mit Grausamkeit und einheitlichen genauen Normen für alles und jeden. Palästina war eine dieser römischen Provinzen, das kannte man dort. Eine Art Friedhofsruhe – vergleichbar vielleicht mit dem ehemaligen Ostblock: da rühmte man sich damit, dass man die niedrigste Verbrechensrate der Welt hatte – klar, ständige Überwachung, Bespitzelung und rigorose Bestrafung für alles Abweichende waren ja an der Tagesordnung…

Und dann gibt es noch eine andere Art des Friedens.

Die Heilige Schrift hat dafür den Begriff „Schalom“. Das meint weit mehr als die Abwesenheit von Krieg. Es meint das völlige Fehlen von Gewaltausübung – denn die war bei der Pax Romana notwendig… Es steckt Fülle drin. Vielfalt, Toleranz, ein liebevolles Miteinander. Gerechtigkeit, Lebensfreude, Sinn… Dass alle ausreichend haben, was sie benötigen, dass jede einzelne, Frau, Mann, Kind, jedweder Herkunft und Aussehens, … zu seinem/ihrem Recht kommt. Leben in Freiheit, Würde, und einem gewissen Luxus. Mit ausreichend Freizeit, Kultur, Sport, Bildung, medizinischer Versorgung… Der Anklang des Paradieses… Dies alles auf der Grundlage eines gesunden Gott- und Selbstvertrauens. Glückliche Menschen, die stark sind, frei und gebildet und in sich ruhen, begehen kein Unrecht.

Es ist ein so umfassender Friede, der unsere menschliche Vorstellungskraft und das was wir gewohnt sind, übersteigt und den es nicht ohne Hilfe von oben gibt – Jesus sagt: Er selbst will ihn uns geben.

Es gibt nur eine einzige Bedingung: Wir müssen es wollen.

Jahwe ist selber der Inbegriff dieses Friedens – er zwingt uns nicht, oktroyiert uns nichts auf. Mit Ruhe und Ordnung, alle gleichgeschaltet, haben die himmlischen Mächte nichts am Hut.

Wir erleben ja, dass dieser Schalom nicht verwirklicht ist auf unserem Planeten.

Wieso eigentlich nicht?

Am Anfang des heutigen Evangeliumstextes spricht Jesus dreimal von Gott: „der Vater wir lieben, wer an Jesu Wort festhält – die Worte Jesu stammen vom „Vater“ – und der „Vater“ wird „den Heiligen Geist“ schicken.

Der griechische Urtext tut da genau das Gegenteil. Er hält sich nicht an Jesu Worte. Haben Sie das gewusst?

Wie hat Jesus JHWH genannt? ABBA. Papa, Papi, lieber Vati. Oder warum auch nicht gleich „Mama“ – aber wenn Jesus zu JHWH Mama gesagt hätte, wöre er nach seiner ersten Predigt nicht mehr auf der Bildfläche erschienen, weil gesteinigt und mausetot.

Jesus hat aramäisch gesprochen – und: Er verwendet jedenfalls das Kosewort des kleinen Kindes, das zum Beispiel ein Spielzeug nicht selber derglengt im Regal oben und sagt, Papi, bitte Teddybär… Wenn da immer und immer wieder „Vater“ im Text steht, stellen sich Menschen der letzten 1950 Jahre zumindest eher so einen Familientyrannen vor, der nur in Erscheinung tritt, wenn es schlimme Kinder zu bestrafen gilt, dem man es nur ja immer recht machen muss, Patriarch … Familienoberhaupt, das für Ordnung sorgt und Gehorsam verlangt – nach dem Muster der Pax Romana.

Solange Menschen dieses Gottesbild mit allem Drum und Dran im Kopf haben, wird es den Schalom im Sinne Jesu nicht geben.

Mit dem Heiligen Geist ist durch die Übersetzung Ähnliches geschehen: Ruach – lebendiger Atem Gottes, Leben, Hauch der wärmt oder kühlt, je nachdem, was grad nötig ist … ruach ist ein weibliches Wort. Die große Theologin Dorothee Sölle hat es mit „Lebensstiftende Aufregung Gottes“ übersetzt.

Im griechischen Text steht pneuma. Luft. Noch ärger in der lateinischen Übersetzung. Spiritus. Geist. Wie beim Spiel „Stille Post“ – Einer übersetzt vom anderen – und immer wird es ein bisschen anders…

Wo ist da jetzt in alle dem die Frohe Botschaft für uns?

  • Gottes gute Geistkraft liebt uns Menschen und lehrt uns tatsächlich alles, was wir benötigen. Was Sache ist, wie es Jesus gemeint hat.

Und das ist die Voraussetzung für den Frieden, wie Jesus ihn sich vorstellt. Den Schalom Gottes. Das, worum wir eigentlich beten, wenn wir sprechen: „Dein Reich komme“. So und nur so, in der ständigen Rückbindung an Jesus und die Ruach und Vergewisserung, wie wir jetzt im konkreten Fall tun sollen – und dann mit unserem vollen Einsatz -,wird dieser Friede möglich sein.

Verbringt eure Zeit mit was anderem.

Eine Freundin hat mir das neue Buch geborgt: Johannes Huber: Der Seelenheiler.

Inhaltlich: seltsam. gleich auf den ersten 20 Seiten schreibt er zwei Mal von Schweinen, die beim Paschafest der Juden geopfert worden sein sollen. Irrtum? Unwissen? Oder will uns der Autor auf den Arm nehmen?

Jedenfalls wird ein Jesus geschildert, wie es langweiliger und nichtssagender kaum geht.

Ja, die Lehre Jesu im Tempel von Alexandria darf man mit ziemlicher Sicherheit als gegeben annehmen – aber nicht 1 Monat, sondern viele Jahre… Dazu in einigen Tagen mehr. Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse und Veröffentlichungen dazu.

Die Zeit aufzuwenden, diese nicht einfach zu lesenden Abhandlungen zu lesen, lohnt sich wenigstens.

Also: Ihr fügt dem Dr. Huber keinen Schaden zu, wenn ihr das Buch nicht kauft und nicht lest. Er ist erfolgreich und wohlhabend und wohl Theologie (merkt man im Buch nicht), aber hauptberuflich Arzt. Oder in Pension.

Oder kauft es, wenn ihr mildtätigerweise Thalia unterstützen wollt …

Liebe Brüder und Schwestern!

Verherrlichen – ein Wort, das wir sonst eigentlich nie verwenden.

Es ist auch nicht die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes, aber die Strahlkraft und das Wesen Gottes weithin sichtbar machen ist etwas langatmig.

„Verherrlichen“ passt ganz gut zu dem, was Jesus, das Johannesevangelium hier meint, wenn wir mitbedenken, woher der Begriff „herrlich“ kommt.

Im deutschen Sprachgebrauch hat ursprünglich „herrlich“ all das bezeichnet, was mit der „Herrschaft“, der Grundherrenfamilie oder eben mit einer oder 2 Ebenen darüber, mit Herzog, König, Kaiserhaus zu tun hatte.

Die einfache Bevölkerung stellte sích da vor, wie auf dem Schloss, in der Hauptstadt, bei Kaisers gelebt wird – nämlich in der Herrlichkeit besten Essens und schöner Kleidung und ohne Arbeit und Feste, im Warmen – selber hatte man zeitweise gerade das Nötigste zu essen und fror im Winter, musste schwer arbeiten.

In diesem Sinn vermittelt Jesus wie Gott ist, wie es bei ihm zugeht: wir können es am Verhalten Jesu ablesen.

Er heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

Er vergibt Sünden.

Er tröstet.

Holt Ausgegrenzte in die Gemeinschaft herein.

Gibt Entrechteten neues Ansehen, schief angeschauten, Verachteten einen Platz neben sich.

Kennt keinerlei ‚Rangunterschiede. Heilt die Tochter der Samariterin und den Knecht des römischen Hauptmanns.

Lasst die Kinder zu mir kommen.

Keinerlei Vorbehalte gegenüber Frauen. Nimmt sie ernst als Personen. Macht sie zu Jüngerinnen und zu Verkünderinnen seiner Botschaft.

Persönliche Zuwendung.

Er versteht selbst zu feiern, genießt die guten Gaben des Lebens.

Fröhlichkeit und Humor hat er ausgestrahlt.

Jede Verehrung und Stilisierung seiner eigenen Person erstickt er im Keim.

Schaut, dass keiner hungrig heimgehen muss.

Schaut, dass sich niemand zu fürchten braucht – stillt den Sturm.

Redet über Gott: Abba – lieber Paps, Papa. So redet das kleine Kind, wenn es ein Spielzeug aus dem Regal haben möchte und selber nicht rauflangt. Oder dem es raufklettert, einfach weil es der Papa ist und möglichst in seiner Nähe sein möchte.

Im Predigtbehelf steht großartig: Jesus hat uns einen neuen Namen Gottes geoffenbart: Vater. Ich glaub ich spinne – Gott hat einen Namen: Jahwe.

Ich bin da – wie die Mama in der Nacht antwortet, wenn das kleine Kind aus dem Nachbarraum voll Angst vor der Dunkelheit – oder um sich zu vergewissern, dass es nicht allein ist, ruft: Mama – und die zurückruft: Ich bin ja da.

Bloß: Wenn Jesus von der „Mama im Himmel“ geredet hätte, hätte sein Wirken rasch geendet mit seiner Steinigung.

Die große Muttergottheit, Schöpferin des Alls und des Lebens, wie sie im gesamten Orient verehrt wurde, galt ja als Fremdreligion, als Heidentum und musste verfolgt werden.

In dieser ansprechbaren, zugewandten Haltung verhält sich die Göttin – und ich verwende jetzt mit voller Absicht die weibliche Bezeichnung – uns gegenüber.

Liebe Brüder und Schwestern, es ist nicht gleichgültig, an welchen Gott und was wir glauben.

Fundamentalisten machen Gott wieder streng und unnahbar. Warum? Aus Machtgier, weil sie dann Menschen Angst einjagen und ihnen eine Abhängigkeit von ihnen einreden können?

Wir sollen Gott, wie es Jesus zeigt, verkünden, bekannt machen auf dieser Erde. Das bedeutet nicht, ständig über Gott oder Göttin zu reden und predigend durch das Dasein zu laufen. Obwohl das auch dazugehört.

Die Form muss zum Inhalt passen. Unser Benehmen und Verhalten, alle Äußerlichkeiten – muss wie bei Jesus zum Ausdruck bringen, wie dieser Gott ist. Zumindest ein bisschen, dass es nicht komplett in die verkehrte Richtung läuft.

Das II. Vatikanum spricht sogar davon, dass viele Strukturen in der Kirche geeignet sind, das Wesen Gottes zu verdunkeln – bis zur Unkenntlichkeit.

Vieles ist seitdem besser geworden, aber nicht alles.

Wir sind Kirche.

Jede/r von uns ist eingeladen und berufen, es besser zu machen. Ab sofort.

Guter-Hirten-Sonntag, neuer Papst und Muttertag – wie passt das alles unter einen Hut?

„Hirte“ ließen sich die altorientalischen Könige titulieren, der ägyptische Pharao und Herrscher im antiken Rom bis ins Mittelalter… Ein Ehrentitel, der mit dem tatsächlichen Verhalten der oft tyrannischen, grausamen Herrscher nichts zu tun hatte.

Und die Kirchenfürsten, Bischöfe und Päpste haben diese Tradition weitergeführt, mit dem Anspruch, dass es ja im Evangelium steht – aber allzu sehr und allzu oft in der konkreten Ausformung eher wie die altorientalischen Potentaten. In der evangelischen Kirche steckt der „Hirte“ übrigens noch in der Bezeichnung: Pastor/in für PfarrseelsorgerInnen.

In der katholischen Kirche weigert sich die Obrigkeit (!) nach wie vor, Frauen zu kirchlichen Leitungsämtern, die eine Weihe bedingen, zuzulassen. Vermutlich wegen dieses altorientalischen Machtgehabes: da will man Frauen einfach nicht dabei haben…

Denn: das, was eigentlich, im Sinne Jesu, mit „Hirte“ gemeint ist, das können Frauen von Natur aus und automatisch und besser als Männer, die das meist in teuren Managementseminaren lernen müssen…

Mütter sind die vollkommenen Hirtinnen im Sinne des Evangeliums: Sie lieben die Ihren, setzen sich für sie ein oft bis zur Selbstaufgabe, haben den Überblick, was jede/r braucht, damit es ihm/ihr gut geht, sorgen für Recht und Ordnung in der Familie, halten die Kommunikation am Laufen …

Gute SeelsorgerInnen können das – leider oft mit dem Gefühl der Überforderung und unter Burnoutgefahr. Da verweise ich auf die frohe Botschaft des heutigen Evangeliumstextes: Jesus sagt ja von sich: ICH bin der gute Hirte.

In den letzten Tagen habe ich einen wunderbaren Rat gehört an sich überfordernde Mütter und Frauen: „Setz zuerst die eigene Sauerstoffmaske auf!“

Gemeint ist: Nur und erst wenn wir gut für uns selbst sorgen, sind wir in der Lage, gut für andere zu sorgen. Sonst wird das nichts.

Die Göttin, JHWH, ist für uns da, sorgt für uns, verwöhnt uns, möchte, dass es uns gut geht.

Wir sind getragen und beschenkt, gesegnet durch und durch. Geleitet und geliebt.

Also: Nur Mut, traut euch, Hirtinnen zu sein!