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Warum ich als katholische Theologin auch schamanisch arbeite?

Schamanisches Tun ist unglaublich effektiv, umfassend, bereichernd,  hat mein Denken geöffnet und wirkt zugleich entspannend und heilsam.

Besonders ein Seminar, an dem ich 2016 im Stift Schlägl teilnahm, hat mir mehrere Aha-Effekte vermittelt. Einer davon:

Davor war es für mich seltsam, dass es in der katholischen Kirche immer hieß, man solle für die Verstorbenen beten. Ich stellte mir vor: Die sind ja im Bereich Gottes und uns nicht mehr zugänglich, bestens aufgehoben – also was soll das?

Die schamanische Sicht, dass es für Verstorbene gut ist, eine/n Führer/in in die Obere Welt zu haben, weil der Übergang nicht bei allen einfach und problemfrei erfolgt, dass wir von hier aus, aus dem Diesseits also, durchaus etwas beitragen kann zum Wohlbefinden verstorbener Menschen, hat mich – fast möchte ich sagen: – begeistert und mir auch beruflich geholfen.

Im Lauf meines Berufslebens von 2000 an bis heute habe ich hunderte von Begräbnisfeiern gestaltet und abgehalten. Bei den Vorbesprechungen mit den Angehörigen konnte ich mit der neu gewonnenen Sicht und v. a. durch den Hinweis auf den Seelengeleiter wohltuend wirken; zumal das schamanische Verständnis von Tod und Sterben mit dem christlichen erstaunlich vereinbar ist.

Von einer „Hölle“ (der Name stammt von der germanischen Totengöttin Hel, ursprünglich war da bloß „Totenreich“ damit gemeint) wird in der schamanischen Sicht nicht gesprochen. Ich persönlich stelle mir vor: Wenn man in der jenseitigen Welt allen anderen wieder begegnen, wird man sich für so manches persönlich zu verantworten haben, vieles klären und erklären und Abbitte leisten bzw. Vergebung üben…

Wir werden das auch morgen noch einmal sehen, wenn es darum geht, was „Heilige“ eigentlich sind – wir hatten ja vor einer Woche auch Allerheiligen.

Das schamanische Weltbild, das Denken und Spiritualität der Menschen vor der Zeit der Religionen geprägt hatte und unterschwellig bis heute wirksam ist, kennt ebenfalls eine Dreiteilung: eine (nichtalltägliche) Obere, eine (nichtalltägliche) Untere und eine Mittlere Welt, wobei letztere einen alltäglichen Aspekt bzw. Raum (die normale Realität der Menschen) und einen nichtalltäglichen „Raum“ enthält, der mit der Anderswelt der Kelten vergleichbar ist. In alle nichtalltäglichen Welten können schamanische Reisen unternommen werden.

Der unsterbliche Anteil der Menschen benötigt nach dem Tod normalerweise eine bestimmte Zeit (6 Wochen) der Umgewöhnung oder Vorbereitung im nichtalltäglichen Teil der Mittleren Welt, bis er in die Obere Welt gehen und dort bleiben kann.

Es kann vorkommen, v. a. bei einem überraschenden Tod, dass die jeweilige Person nicht bemerkt, dass sie verstorben ist und in einer anderen Dimension weilt; sie kann die Umgebung, das eigene Wohnhaus, die gewohnte Straße, bekannte Menschen usw. sehen und hören und wundert oder ärgert sich, weil sie selbst nicht wahrgenommen wird.

Es kann sein, dass die/der Verstorbene in diesem Fall Aktionen setzt, um wahrgenommen zu werden. Aus schamanischer Sicht ist so etwas wie „Geistern“ denkbar.

Eine der üblichen Aufgaben von SchamanInnen ist es (auf Wunsch der Angehörigen), Verstorbene, die in der Mittleren Welt feststecken oder hängenbleiben, gegebenenfalls zunächst davon zu überzeugen, dass sie verstorben sind, und dann, sie zum Überwechseln in die Obere Welt zu bewegen. Dies geschieht mittels einer schamanischen Reise des Schamanen zu der verstorbenen Person, wo bei diese überzeugt werden muss, dass der gute oder bessere Ort in der Oberen Welt zu finden ist – und entweder selbst als Begleiter/in zur Verfügung zu stehen oder für eine geeignete Begleitung unter den Spirits der Oberen Welt zu sorgen. Dies können bereits früher verstorbene Freunde oder Verwandte der betreuten Person sein oder/und bekannte vertrauenswürdige Persönlichkeiten.

Interessant: In der gesamten Geschichte des Christentums gilt Jesus Christus als dieser Seelenbegleiter, der in den kirchlichen Gebeten für Verstorbene auch als solcher angerufen wird; doch können auch Engel oder Heilige als Führer in den Himmel bzw. ins Jenseits sein.

Euch sind bestimmt die Forschungen von Elisabeth Kübler-Ross bekannt, die zahlreiche Nahtoderfahrungen beschrieben hat; die Sterbenden werden da fast immer durch vertraute Personen in Empfang genommen.

Dass Verstorbene 6 Wochen nach dem Tod noch eher erdverhaftet sind und sich erst danach endgültig verabschieden – diese Vorstellung ist mir immer wieder begegnet. Im Neuen Testament ereignet sich die „Himmelfahrt Jesu“ 40 Tage, also rund 6 Wochen nach der Auferstehung.

Im Schamanischen Weltbild wird so etwas wie eine Hölle nicht erwähnt, Wiedergeburt spielt keine Rolle, wird aber auch nicht ausgeschlossen.

Das schamanische Denken beruht, so wie es aussieht, auf Erfahrungswerten unzähliger Generationen; aus diesem Grund sind Elemente davon in allen Religionen zu finden. Wahres wurde immer wieder von Strenggläubigkeit übertüncht; zum Verschwinden konnte es nicht gebracht werden.

Vergangenen Samstag beim Ritual zu Allerheiligen/Samhain äußerte eine Teilnehmerin: „Also, dieses ganze Gerede in der Kirche von Himmel-Hölle-Fegefeuer zu Allerheiligen und Allerseelen, das kann ich nicht mehr hören, diese Angstmacherei; das wird jetzt wieder ärger als es schon einmal war – wie im Mittelalter!“

Woher kommt diese wahrscheinlich allen bekannte Vorstellung? In der Bibel finden wir sehr wenig; da geht es um den gerechten Ausgleich, um Belohnung für Gutes und Bestrafung für Böses und um die Auferstehung der Toten. Also: woher?

In der griechisch-römischen Antike gab es zwei große Dichtungen, die damals in den besseren Gesellschaftsschichten jeder männliche Jugendliche in der Schule lernen musste: Homers Odyssee und Vergils Aeneis. In beiden Dichtungen unternimmt der Titelheld jeweils eine Reise in die Unterwelt, um dort bestimmte Verstorbene zu treffen und von ihnen Informationen einzuholen. Vergil hat dabei die Schilderung Homers praktisch 1:1 übernommen. Aus meiner schamanischen Erfahrung handelt es sich jeweils um schamanische Reisen unter Führung durch die Seherin Pythia.

Die Unterwelt wird als dreigeteilt beschrieben: Elysium für besonders verdienstvolle Menschen; Tartaros als Bestrafungsort für extreme Verbrecher; neutrales Schattenreich für die „Unauffälligen“, die NormalverbraucherInnen.

Zwei Dinge geschahen:

Die sogenannten Kirchenväter, gebildete Männer wie z. B. Augustinus, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums Theologie entwickelten, kannten aufgrund ihrer römischen Bildungslaufbahn diese Vorstellung, die der Bibel auch nicht widersprach und plausibel klang.

Im Mittelalter verwendete Dante Alighieri die Beschreibung Homers und Vergil, formte sie ein wenig um, „erfand“ das Fegefeuer – und die abendländische Kultur übernahm das Paradigma als theologische Wahrheit.

Früher als jede institutionalisierte Religion prägte das schamanische Weltbild die Spiritualität der Menschen – weltweit. Darüber erfahrt ihr morgen mehr.