Nachtrag zu Allerheiligen und Allerseelen
Vergangenen Samstag beim Ritual zu Allerheiligen/Samhain äußerte eine Teilnehmerin: „Also, dieses ganze Gerede in der Kirche von Himmel-Hölle-Fegefeuer zu Allerheiligen und Allerseelen, das kann ich nicht mehr hören, diese Angstmacherei; das wird jetzt wieder ärger als es schon einmal war – wie im Mittelalter!“
Woher kommt diese wahrscheinlich allen bekannte Vorstellung? In der Bibel finden wir sehr wenig; da geht es um den gerechten Ausgleich, um Belohnung für Gutes und Bestrafung für Böses und um die Auferstehung der Toten. Also: woher?
In der griechisch-römischen Antike gab es zwei große Dichtungen, die damals in den besseren Gesellschaftsschichten jeder männliche Jugendliche in der Schule lernen musste: Homers Odyssee und Vergils Aeneis. In beiden Dichtungen unternimmt der Titelheld jeweils eine Reise in die Unterwelt, um dort bestimmte Verstorbene zu treffen und von ihnen Informationen einzuholen. Vergil hat dabei die Schilderung Homers praktisch 1:1 übernommen. Aus meiner schamanischen Erfahrung handelt es sich jeweils um schamanische Reisen unter Führung durch die Seherin Pythia.
Die Unterwelt wird als dreigeteilt beschrieben: Elysium für besonders verdienstvolle Menschen; Tartaros als Bestrafungsort für extreme Verbrecher; neutrales Schattenreich für die „Unauffälligen“, die NormalverbraucherInnen.
Zwei Dinge geschahen:
Die sogenannten Kirchenväter, gebildete Männer wie z. B. Augustinus, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums Theologie entwickelten, kannten aufgrund ihrer römischen Bildungslaufbahn diese Vorstellung, die der Bibel auch nicht widersprach und plausibel klang.
Im Mittelalter verwendete Dante Alighieri die Beschreibung Homers und Vergil, formte sie ein wenig um, „erfand“ das Fegefeuer – und die abendländische Kultur übernahm das Paradigma als theologische Wahrheit.
Früher als jede institutionalisierte Religion prägte das schamanische Weltbild die Spiritualität der Menschen – weltweit. Darüber erfahrt ihr morgen mehr.

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