Eine andere Sicht: Tod und Sterben im schamanischen Weltbild

Das schamanische Weltbild, das Denken und Spiritualität der Menschen vor der Zeit der Religionen geprägt hatte und unterschwellig bis heute wirksam ist, kennt ebenfalls eine Dreiteilung: eine (nichtalltägliche) Obere, eine (nichtalltägliche) Untere und eine Mittlere Welt, wobei letztere einen alltäglichen Aspekt bzw. Raum (die normale Realität der Menschen) und einen nichtalltäglichen „Raum“ enthält, der mit der Anderswelt der Kelten vergleichbar ist. In alle nichtalltäglichen Welten können schamanische Reisen unternommen werden.

Der unsterbliche Anteil der Menschen benötigt nach dem Tod normalerweise eine bestimmte Zeit (6 Wochen) der Umgewöhnung oder Vorbereitung im nichtalltäglichen Teil der Mittleren Welt, bis er in die Obere Welt gehen und dort bleiben kann.

Es kann vorkommen, v. a. bei einem überraschenden Tod, dass die jeweilige Person nicht bemerkt, dass sie verstorben ist und in einer anderen Dimension weilt; sie kann die Umgebung, das eigene Wohnhaus, die gewohnte Straße, bekannte Menschen usw. sehen und hören und wundert oder ärgert sich, weil sie selbst nicht wahrgenommen wird.

Es kann sein, dass die/der Verstorbene in diesem Fall Aktionen setzt, um wahrgenommen zu werden. Aus schamanischer Sicht ist so etwas wie „Geistern“ denkbar.

Eine der üblichen Aufgaben von SchamanInnen ist es (auf Wunsch der Angehörigen), Verstorbene, die in der Mittleren Welt feststecken oder hängenbleiben, gegebenenfalls zunächst davon zu überzeugen, dass sie verstorben sind, und dann, sie zum Überwechseln in die Obere Welt zu bewegen. Dies geschieht mittels einer schamanischen Reise des Schamanen zu der verstorbenen Person, wo bei diese überzeugt werden muss, dass der gute oder bessere Ort in der Oberen Welt zu finden ist – und entweder selbst als Begleiter/in zur Verfügung zu stehen oder für eine geeignete Begleitung unter den Spirits der Oberen Welt zu sorgen. Dies können bereits früher verstorbene Freunde oder Verwandte der betreuten Person sein oder/und bekannte vertrauenswürdige Persönlichkeiten.

Interessant: In der gesamten Geschichte des Christentums gilt Jesus Christus als dieser Seelenbegleiter, der in den kirchlichen Gebeten für Verstorbene auch als solcher angerufen wird; doch können auch Engel oder Heilige als Führer in den Himmel bzw. ins Jenseits sein.

Euch sind bestimmt die Forschungen von Elisabeth Kübler-Ross bekannt, die zahlreiche Nahtoderfahrungen beschrieben hat; die Sterbenden werden da fast immer durch vertraute Personen in Empfang genommen.

Dass Verstorbene 6 Wochen nach dem Tod noch eher erdverhaftet sind und sich erst danach endgültig verabschieden – diese Vorstellung ist mir immer wieder begegnet. Im Neuen Testament ereignet sich die „Himmelfahrt Jesu“ 40 Tage, also rund 6 Wochen nach der Auferstehung.

Im Schamanischen Weltbild wird so etwas wie eine Hölle nicht erwähnt, Wiedergeburt spielt keine Rolle, wird aber auch nicht ausgeschlossen.

Das schamanische Denken beruht, so wie es aussieht, auf Erfahrungswerten unzähliger Generationen; aus diesem Grund sind Elemente davon in allen Religionen zu finden. Wahres wurde immer wieder von Strenggläubigkeit übertüncht; zum Verschwinden konnte es nicht gebracht werden.

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