Heile Welt? Heilige Familie?

Predigt                         Sonntag der Heiligen Familie, 28. 12. 2025

Liebe Brüder und Schwestern! Liebe Kinder!

Die „Heilige Familie“, da denken wir: Eh klar. Sie bestand ja aus Jesus, Maria und Josef. Kein Wunder, dass die heilig ist.

Obwohl: Von einem idealen Dasein, wie wir uns das gern vorstellen, war diese Familie weit entfernt – wie wir im Evangelium gehört haben: „Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nah Ägypten, denn die trachten ihm nach dem Leben…“

Das wünscht sich keiner für die eigene Familie.

Aber: Was ist das überhaupt: Familie? Weiß doch jeder. Oder etwa nicht?

Es gibt Idealbilder, die stammen aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts.

eigentlich aus der Romantik, unter anderem hergeleitet aus der Bewegung um Jean Jacques Rousseau mit dem Slogan „Zurück zur Natur“.

Vater und Mutter mit einigen Kindern, die sich selbst um die Erziehung derselben kümmern.

Aber wie sah die Wirklichkeit aus – in der „guten alten Zeit“?

Kinder, die bei den eigenen Eltern aufwuchsen, waren damals keine Selbstverständlichkeit.

In den Adelshäusern kam der Nachwuchs meist mit ca. 7 Jahren außer Haus, um Umgangsformen bei einer anderen, im Idealfall bessergestellten Familie, wenn möglich am Königs- oder Herzogshof, zu lernen – oder in ein Kloster, um ab der Kindheit an dieses Leben gewöhnt zu sein.

Bei den Bauern kamen jüngere Kinder als Arbeitskraft zu anderen, vielleicht die beiden vielversprechendsten Töchter zu Lernzwecken, um später den eigenen Hof als Hausfrau führen zu können; oft starb die Mutter im relativ jungen Alter an den Folgen einer Geburt oder der Vater an einem Arbeitsunfall (Blutvergiftung), Kinder wurden auf Verwandte und Freunde aufgeteilt und hatten dort ein Leben als Magd oder Knecht vor sich.

Im besten Fall konnte ein großer Bauernhof alle Kinder selbst ernähren bzw. als Arbeitskraft brauchen, dann bildeten ca. 20 oder mehr Personen – incl. Gesinde – eine Großfamilie; ebenso in den städtischen Handwerkerhäusern.

Die Mutter übte in allen drei Fällen als Hausfrau eine Leitungsfunktion zur Versorgung der Großfamilie aus und hatte denkbar wenig Zeit für den eigenen Nachwuchs.

Heiraten konnten oder durften übrigens die wenigsten; dazu musste eine Versorgungsgrundlage gegeben sein. Sehr viele uneheliche Kinder lebten in den verschiedenen Systemen – Höfen und Häusern, und zwar eher nicht zusammen mit den leiblichen Eltern.

Der Vorteil: Kinder hatten immer eine Reihe von anderen Menschen, Bezugspersonen um sich, waren niemals einsam, hatten mehrere Vorbilder zur Auswahl, es war immer jemand da zum Reden, Trösten, Erklären …

Familie wie wir sie heute kennen oder – die Form verändert sich ja bereits wieder – oder wie wir sie selber kennengelernt haben und als Ideal und vorstellen, ist ein Produkt der Industrialisierung, der Verstädterung, der Berufstätigkeit außer Haus und der Mechanisierung des Alltags – es blieb Zeit, und die Wohnungen waren klein und wurden ab dem 3. Kind unbequem. Ca. 100, eher nur 60 – 70 Jahre lang in der westlichen Welt die vorherrschende Form.

Wie schaut jetzt die Familie aus, in der es im Evangelium geht?

Die Geburt im Stall, Maria und Josef als Unerwünschte, die auf Reisen sind. Bei den Nomaden, jedenfalls nicht zu Hause… dann sofort die Flucht. „Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten“ ein paar Jahre später wieder retour.

Keine „heile Familie“ wie wir sie uns im Idealfall vorstellen.

Und das ist gut so. Denn:

Bei den Kindheitserzählungen der Evangelien handelt es sich nicht um Tatsachenberichte. Es sind theologische Texte, zusammengestellt von Geist-inspirierten Menschen.

Frohe Botschaft.

Für uns. Denn „heilig“ bedeutet nicht „bürgerlicher Idealfall des 20. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika“.

Heilig ist die heilige Familie, weil Jesus dazugehört. Weil die Beteiligten, die Familienmitglieder, ihr Leben vor dem Angesicht Gottes zu meistern versuchen, weil sie beten, weil sie um die Anwesenheit, die Liebe und Sorge des Himmels wissen – trotz aller Widrigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind – und durch all dies hindurch.

Wenn wir jetzt Situationen in unseren eigenen Familien erleben, die alles andere als ideal sind, unter denen wir leiden, Krankheit, Unglücksfälle, Misslingen, aneinander Vorbeireden, Gleichgültigkeit, Unverträglichkeit, Charakterschwächen, Meinungsverschiedenheiten – oder sei es nur der alltägliche Stress und das unvermeidliche Chaos, das mitunter nervt… – dann dürfen wir eines wissen:

Uns allen gilt die Zusage: Eure Familie ist heilig.

Nicht nur in den Sternstunden des Lebens, in Feierzeiten, zu Weihnachten, am Geburtstag oder im Urlaub, sondern mitten in all dem, was ärgert, nervt und Mühe macht, –  – – weil Gott bei uns ist. Weil, wie es die katholische ArbeiterInnenbewegung treffend ausdrückt: Weil jede Frau, jeder Mann, jedes Kind dieser Erde unserem Gott heilig ist.

Unter allen Umständen. Unbedingt. Pausenlos.

3 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert