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Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit: Was ist das überhaupt?

Begnadigung von Häftlingen – fällt mir spontan dazu ein.

Wenn nicht die Folge einer Handlung eintritt, sondern es gut oder besser weitergeht als erwartet.

Wenn die Folge eines Verhaltens eintritt, dann nennen es viele „Karma“.

Die indische Religion geht davon aus, dass Menschen verantwortlich sind für ihre Zukunft im Jenseits bzw. für die Art und Qualität ihrer Wiedergeburt oder Erlösung.

Beim Training im positiven Mindset haben wir das auch immer wieder: Unsere Gedanken, unsere Vorstellungen beeinflussen, wer wir werden – entscheiden über Erfolg oder Misserfolg, wenn man will.

Absolute Selbstverantwortung jedes Menschen für das eigene Schicksal.

Da spart man aber eine Dimension aus:

Gott/Göttin, höhere Macht – tut ebenfalls etwas: Sie setzt dieses Gesetz des Karma außer Kraft.

Menschen sind nicht an ihre Vergangenheit, an ihre gesetzten Taten gebunden – sondern können jederzeit umdenken, anders handeln – und ab diesem Zeitpunkt gilt dann das Neue.

Die Folgen des Früheren bleiben aus.

Es gibt keine Strafe.

Nur eine Bedingung: Wenn wir das wollen.

Reihenweise reden ja Leute heutzutage vom Karma, als ob es Bibel und Christentum nicht gäbe, als ob Jesus nie gelebt hätte…

Die kommen gar nicht auf die Idee, dass es was anderes auch noch gibt – Barmherzigkeit eben. Vergebung im Vollsinn des Wortes- Gnade hat man lange Zet dazu gesagt.

Da es ja ein Geschenk ist – Gnade heißt auf lateinisch gratia – es ist gratis. Die Bedingung: Wenn wir das Geschenk nicht annehmen, haben wir es nicht – obwohl es für uns da wäre, obwohl es bereit liegt.

Also…

Liebe Leute: Lassen wir uns beschenken! Ein Neuanfang ist jederzeit möglich.

Wir sprechen in der Karwoche und zu Ostern oft von der „Passion“. Gerade haben wir die Passionserzählung nach Matthäus gehört.

Passion bedeutet Leidensgeschichte.

Aber dieses Wort hat mehrere Bedeutungen: Leidenschaft. Vorliebe

Jesus Christus hat nicht nur eine Leidensgeschichte.

Er hat eine Leidenschaft, eine Passion für uns Menschen – und für diese Welt.

Gerade in diesen Tagen und Wochen heute: Diese unnötigen Kriege, die verblendete Machthaber begonnen haben – das Leid unzähliger Menschen, unschuldiger Privatpersonen – die zunehmende Umweltzerstörung auf unserem Heimatplaneten. Mittel und Kräfte, die weit besser einzusetzen wären in der Forschung für Gesundheit z. B…. verplempert und verludert in Gewalt- und Zerstörungsaktionen.

Und bei dem allen gilt: Wir brauchen nicht glauben, dass es Gott wurscht ist.

Wir, die Menschen, die Erde mit all ihren Lebewesen, sind Gottes Passion.

In beiden Hinsichten – JHWH leidet mit, weil er in unglaublicher Weise liebt.

Das ist aber noch nicht alles.

Die Passion Jesu, Gottes in Menschengestalt, hat ja etwas bewirkt.

Wir sind erlöst. Das vergessen wir manchmal. Es wird gut ausgehen. Aber nicht ohne dass wir Menschen etwas unternehmen.

Gottes gute Geistkraft zeigt ununterbrochen Mittel und Wege, wie Menschen es besser machen können – wie die Menschheit da wieder rauskommt und eine Entwicklung zum Besseren anfangen kann.

Gottes Geist wartet nur auf Menschen, oder auf genügend Menschen, die offen sind und ihren freien Willen dazu benützen, all die guten Möglichkeiten zu sehen und umzusetzen.

Möglicherweise sitzt hier herinnen die eine oder andere Person, die so einen guten Weg sieht und ihn zu gehen beginnt.

Ich wünsche es uns.

Was mich heute am Evangelium fasziniert – nicht so sehr, dass der Tote wieder zum Leben auferweckt wird – wem, wenn nicht Jesus oder JHWH würde ich das zutrauen!

Mich fasziniert:

Das Sterben des jungen Freundes, die Trauer der Schwestern, ja der ganzen Dorfbevölkerung, das alles lässt Jesus nicht kalt.

Er weint.

Er ist erschüttert und regt sich seinerseits auf – über den Tod des Freundes, über das Leid der Schwestern, über die Hoffnung, die an ihn herangetragen wird, über die Tatsache menschlichen Sterbens an sich, über die Wundersucht, wo es mehr um die Sensation geht als um Leben und Tod eines Menschen …

Jesus lässt sich durch Menschen bewegen.

Liebe Brüder und Schwestern – Gott/Göttin lässt sich durch Menschen bewegen.

Wir sind gerade mitten in der Fastenzeit, eher schon am Höhepunkt.

Es geht beim Fasten darum, selber weniger zu verbrauchen, bewusster zu leben, damit alle Menschen weltweit das Nötige zum Leben haben.

Menschen können als Einzelwesen nicht leben.

An vielen Orten und in weiten Gebieten unserer Erde fehlt das Grundlegende: Nahrung, Wasser, medizinische Versorgung, Bildung. Frieden..

In beinahe 100 % fehlt Wesentliches, weil Menschen nicht zusammenhelfen.

Weil sie nicht auf ihre Menschengeschwister achten.

Weil es in vielen Ländern zuviel gibt.

Weil der Austausch nicht funktioniert – und damit meine ich nicht bloß den Transport. Viele Menschen, viele Firmen, viele Länder leben als ob es die anderen nicht gäbe.

Und: Menschen sind nicht lästig genug – wie die Jünger und Marta.

Menschen lassen sich durch fremde Tränen nicht erschüttern, nicht durch den Tod der jungen Menschen in armen Ländern.

Menschen bleiben in ihren Grabhöhlen, obwohl sie beim Namen gerufen werden berufen sind, Verantwortung zu übernehmen – für das eigene Verhalten und für ihre Mitmenschen.

Menschen beten nicht, sind nicht lästig Gott gegenüber, schreien zu leise oder gar nicht um Hilfe, erwarten das Unmögliche nicht.

Dabei ist die Bibel voll von Beispielen, wie Gott angesichts unmöglicher Situationen noch handeln und alles zum Besseren verändern kann. Für Gott ist es nie zu spät. Aber er mag nicht allein handeln ohne aktive Menschen. Ohne uns.

Predigt                         Sonntag der Heiligen Familie, 28. 12. 2025

Liebe Brüder und Schwestern! Liebe Kinder!

Die „Heilige Familie“, da denken wir: Eh klar. Sie bestand ja aus Jesus, Maria und Josef. Kein Wunder, dass die heilig ist.

Obwohl: Von einem idealen Dasein, wie wir uns das gern vorstellen, war diese Familie weit entfernt – wie wir im Evangelium gehört haben: „Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nah Ägypten, denn die trachten ihm nach dem Leben…“

Das wünscht sich keiner für die eigene Familie.

Aber: Was ist das überhaupt: Familie? Weiß doch jeder. Oder etwa nicht?

Es gibt Idealbilder, die stammen aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts.

eigentlich aus der Romantik, unter anderem hergeleitet aus der Bewegung um Jean Jacques Rousseau mit dem Slogan „Zurück zur Natur“.

Vater und Mutter mit einigen Kindern, die sich selbst um die Erziehung derselben kümmern.

Aber wie sah die Wirklichkeit aus – in der „guten alten Zeit“?

Kinder, die bei den eigenen Eltern aufwuchsen, waren damals keine Selbstverständlichkeit.

In den Adelshäusern kam der Nachwuchs meist mit ca. 7 Jahren außer Haus, um Umgangsformen bei einer anderen, im Idealfall bessergestellten Familie, wenn möglich am Königs- oder Herzogshof, zu lernen – oder in ein Kloster, um ab der Kindheit an dieses Leben gewöhnt zu sein.

Bei den Bauern kamen jüngere Kinder als Arbeitskraft zu anderen, vielleicht die beiden vielversprechendsten Töchter zu Lernzwecken, um später den eigenen Hof als Hausfrau führen zu können; oft starb die Mutter im relativ jungen Alter an den Folgen einer Geburt oder der Vater an einem Arbeitsunfall (Blutvergiftung), Kinder wurden auf Verwandte und Freunde aufgeteilt und hatten dort ein Leben als Magd oder Knecht vor sich.

Im besten Fall konnte ein großer Bauernhof alle Kinder selbst ernähren bzw. als Arbeitskraft brauchen, dann bildeten ca. 20 oder mehr Personen – incl. Gesinde – eine Großfamilie; ebenso in den städtischen Handwerkerhäusern.

Die Mutter übte in allen drei Fällen als Hausfrau eine Leitungsfunktion zur Versorgung der Großfamilie aus und hatte denkbar wenig Zeit für den eigenen Nachwuchs.

Heiraten konnten oder durften übrigens die wenigsten; dazu musste eine Versorgungsgrundlage gegeben sein. Sehr viele uneheliche Kinder lebten in den verschiedenen Systemen – Höfen und Häusern, und zwar eher nicht zusammen mit den leiblichen Eltern.

Der Vorteil: Kinder hatten immer eine Reihe von anderen Menschen, Bezugspersonen um sich, waren niemals einsam, hatten mehrere Vorbilder zur Auswahl, es war immer jemand da zum Reden, Trösten, Erklären …

Familie wie wir sie heute kennen oder – die Form verändert sich ja bereits wieder – oder wie wir sie selber kennengelernt haben und als Ideal und vorstellen, ist ein Produkt der Industrialisierung, der Verstädterung, der Berufstätigkeit außer Haus und der Mechanisierung des Alltags – es blieb Zeit, und die Wohnungen waren klein und wurden ab dem 3. Kind unbequem. Ca. 100, eher nur 60 – 70 Jahre lang in der westlichen Welt die vorherrschende Form.

Wie schaut jetzt die Familie aus, in der es im Evangelium geht?

Die Geburt im Stall, Maria und Josef als Unerwünschte, die auf Reisen sind. Bei den Nomaden, jedenfalls nicht zu Hause… dann sofort die Flucht. „Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten“ ein paar Jahre später wieder retour.

Keine „heile Familie“ wie wir sie uns im Idealfall vorstellen.

Und das ist gut so. Denn:

Bei den Kindheitserzählungen der Evangelien handelt es sich nicht um Tatsachenberichte. Es sind theologische Texte, zusammengestellt von Geist-inspirierten Menschen.

Frohe Botschaft.

Für uns. Denn „heilig“ bedeutet nicht „bürgerlicher Idealfall des 20. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika“.

Heilig ist die heilige Familie, weil Jesus dazugehört. Weil die Beteiligten, die Familienmitglieder, ihr Leben vor dem Angesicht Gottes zu meistern versuchen, weil sie beten, weil sie um die Anwesenheit, die Liebe und Sorge des Himmels wissen – trotz aller Widrigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind – und durch all dies hindurch.

Wenn wir jetzt Situationen in unseren eigenen Familien erleben, die alles andere als ideal sind, unter denen wir leiden, Krankheit, Unglücksfälle, Misslingen, aneinander Vorbeireden, Gleichgültigkeit, Unverträglichkeit, Charakterschwächen, Meinungsverschiedenheiten – oder sei es nur der alltägliche Stress und das unvermeidliche Chaos, das mitunter nervt… – dann dürfen wir eines wissen:

Uns allen gilt die Zusage: Eure Familie ist heilig.

Nicht nur in den Sternstunden des Lebens, in Feierzeiten, zu Weihnachten, am Geburtstag oder im Urlaub, sondern mitten in all dem, was ärgert, nervt und Mühe macht, –  – – weil Gott bei uns ist. Weil, wie es die katholische ArbeiterInnenbewegung treffend ausdrückt: Weil jede Frau, jeder Mann, jedes Kind dieser Erde unserem Gott heilig ist.

Unter allen Umständen. Unbedingt. Pausenlos.

Haben die Esoteriker und fundamentalistischen Evangelikalen recht, die seit Jahren (2012 war so ein Eckdatum) vom Weltende reden, vom bevorstehenden „Gericht“, weswegen man sich schleunigst bekehren, d. h. sich der entsprechenden Gruppierung anschließen bzw. mittels strahlensicherer Bunker und Vorratshaltung sich auf die weltweit zu erwartende Katastrophe vorbereiten  soll?

Tatsächlich hören wir im Evangelium dieses Sonntags die Prophezeiung eines katastrophalen Endes dieser Welt aus dem Mund Jesu. Was daran ist „Frohe Botschaft“?

Wenn so ziemlich alles, was auf dieser Erde normalerweise Halt und Sinn gibt, mit mehr oder weniger Getöse verschwindet: religiöse (Tempel) und staatliche (Kriege) Ordnung, Grundversorgung (Hunger, Seuchen), Stabilität der Natur (Erdbeben), familiärer Zusammenhalt (Verrat durch Nahestehende), ist das

furchtbar genug.

Wir dürfen nicht vergessen: 1. In weiten Teilen der Erde ist dies bereits Alltag.

2. Es handelt sich bei diesen Dingen, so wichtig sie sind, um Zweitrangiges. Die jetzt sichtbare Wirklichkeit wird nicht auf ewig bestehen.

Erstrangig ist: Jesus kündigt für diese Zeit sein Wiederkommen als Weltenrichter an. Müssen wir uns davor fürchten?

Ein einfacher Vergleich aus der Justiz: Wer fürchtet sich vor der Gerichtsbarkeit: Übertäter/in oder Geschädigte/r?

Leben wir so, dass wir uns freuen können, wenn alles in die gute Ordnung Gottes umgewandelt wird!

Und – wie schaut so ein Leben aus, das im Sinne Gottes geführt wird?

Heute begehen wir den Caritas- oder Elisabethsonntag.

Beim Hören der Lesung hat es uns möglicherweise gerissen – die Formulierung des Paulus: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ -das ist ja quasi der Anti-Slogan der Caritasarbeit. Oder nicht?

In den letzten 2 Jahrzehnten wird ja vermehrt von “Sozialschmarotzern“ gesprochen, die auf Kosten derer leben, die ordentlich und fleißig arbeiten. Und die, die so blöd sind und ihnen helfen, werden als „Gutmenschen“ beschimpft.

So, was jetzt? Können sich Politiker, die einen harten Kurs gegen Arme jeder Art fahren, zu Recht auf Paulus berufen (die christlichen Fundamentalisten in Nord- und Südamerika tun das übrigens)?

Paulus und die ersten Missionare, die Apostel fanden folgende Situation vor:

Menschen, die zu Christen geworden waren, nahmen die Worte z. B. des heutigen Evangeliums im buchstäblichen Sinne todernst. Man erwartete das rasche Wiederkommen Jesu Christi, für die eigene Lebenszeit, für jederzeit, und man wollte sich bereithalten und entsprechend leben.

Eine Reihe von Leuten schlug nun diesen Weg ein, als ob alles sowieso schon egal wäre, dass sie nicht mehr arbeiteten, sondern tatsächlich Tag und Nacht im Tempel waren oder in den Häusern und beteten und predigten, ohne einer Arbeit nachzugehen.

In einer der Städte, wo ich mehrere Jahre als leitende Seelsorgerin gearbeitet habe, bildete sich vor ca. 8 Jahren eine Gebetsgemeinschaft, wo auch einige spätberufene Jugendliche -Menschen um die 30 – plötzlich befanden, ihr Beruf sei zweitrangig, sie gingen jeden Tag in der Früh in die Heilige Messe, an Wochenenden fuhren sie zu Versammlungen oder in Gebetszentren und Seminaren -eine junge Dame hatte einen Bauernhof vom Onkel geerbt und dort  Wohnungen vermietet, die konnte eh gut leben, aber es gab auch Familienväter, die plötzlich so taten, als sei die Wiederkunft Christi bereits hereingebrochen und jede Berufsausübung unwesentlich geworden, oft arbeiteten sie ehrenamtlich in Sozialprojekten – aber als Techniker, Polizist oder Verkäuferin oder Bankangestellte Geld verdienen galt als unschick.

Die Elterngeneration und auch Ehepartner regten sich zu Recht auf und manche Partnerschaft ging kaputt…

Nach mehreren Jahren hat sich das zum Glück wieder normalisiert…

Wir wissen über den Apostel Paulus, dass er von Beruf Zeltmacher war und in Städten, wo er wirkte, immer bei Zeltmachern unterkam und dort im Betrieb mitarbeitete. Gepredigt hat er in der Freizeit, am Abend und am Sabbat.

Was heißt das für uns?

Selbstverständlich lautet die christliche Botschaft: Wir sollen nicht nur sondern müssen uns um Mitmenschen kümmern, die Notleiden. Fundierte Caritasarbeit – und man kann sogar Caritaswissenschaften studieren – bietet wo es geht Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn möglich keine Almosen, sondern Sorge für Gereichtigkeit, fairen Lohn …

Das Ziel muss eine gesunde Gesellschaft sein, wo Menschen grundsätzlich geborgen sind und haben, was sie brauchen. Darum arbeitet qualitativ hochstehende Caritas immer auch sozialpolitisch und meinungsbildend.

Anfeindung von geizigen, selbstsüchtigen Kreisen ist auch Tradition – die Heilige Elisabeth von Thüringen hat da alles Mögliche von ihren Verwandten aushalten müssen.

Christen dürfen wissen: Bei welchem Einsatz immer für das Gute sind wir nicht allein, sondern handeln im Auftrag Gottes und haben ihn auf unserer Seite – und irgendwann wird jede Mühe ein Ende haben, weil diese sichtbare Welt nicht die endgültige ist.

Jedoch: Das göttliche endgültigen Richten, In-Ordnung-Bringen von allem und jedem macht unseren Einsatz für eine bessere Welt keineswegs überflüssig, sondern gibt ihm erst richtig Sinn – weil es schlussendlich Erfolg haben wird.

Na servas …

Wir denken doch: Jesus bringt Harmonie, Frieden – durch eine christliche Einstellung wird alles besser, auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen.

Und das soll jetzt doch anders sein?

Überlegen wir einmal:

Jesus sagt da etwas, worüber erst die Psychologen des 20. Jahrhunderts sich sprechen getraut haben.

In Familien ist nicht alles in Ordnung, es kann sogar ziemlich extrem zugehen. Und da brauchen wir nicht sofort an Straftaten denken wie Missbrauch, Gewalt, Misshandlung, Freiheitsentzug usw. Oder an verbrecherische Strukturen – die „famiglia“ bei der Mafia z. B.

In jeder Familie gibt es Strukturen, die z. T. gewachsen sind, z. T. vererbt, übernommen wurden von Vorfahren. Meinungen, Handlungsmuster, Denkweisen, sogar Feindschaften – mit wem man redet und Kontakt pflegt, mit wem nicht, es bilden sich Hierarchien… Familienaufstellungen geben da mitunter Erkenntnisse, die für die Beteiligten schockierend sind. Man wird „betriebsblind“ und kann das für außenstehende Offensichtliche, wo es hakt, was im Argen liegt, nicht sehen.

Wenn dann ein Familienmitglied beginnt bewusst hinzuschauen, wenn Werte neu gelernt werden – und das haben Menschen damals durch die Frohe Botschaft Jesu, durch Orientierung an seinem Beispiel, durch die Predigt der JüngerInnen erlebt -: dann stößt dieses Neue auf Widerstand.

Denken wir nur an unsere eigene Vergangenheit in Mitteleuropa: Wenn da die Erleuchtung kommt: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren – und auf die starre Tradition einer alteingesessenen Adelsfamilie prallt…

Oder denken wir an die heutigen Religions- und Kulturunterschiede – wenn da zwischen jungen Menschen Freundschaften entstehen, löst das nicht sofort helle Freude bei den Herkunftsfamilien aus…

Konflikte sind quasi vorprogrammiert…

Das Evangelium erspart uns solche Konflikte nicht. Ebenso wenig wie die Psychologie. Solche Konflikte sind heilsam und bedeuten einen Fortschritt. Wenn die Beteiligten gut damit umgehen, dazulernen.

Wo Wahres, Gutes, Schönes, Heilsames auf eine unterdrückende, ungute, krankmachende Struktur trifft, besteht immerhin jedesmal die echte Chance, dass sich das Bessere durchsetzt…

Und:

Dabei übrigens hilft uns die liebende Gottheit, die überaus interessiert ist an unserem Wohlergehen und unserer heilsamen Entwicklung und der der gesamten Menschheit, dabei hilft sie uns garantiert.

„Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel – weil wir so brav sind …“ oder strengstes Auswahlverfahren, dem kaum wer standhält, Prüfung auf Herz und Nieren …?

Was stimmt?

Gerade haben wir gehört: Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen …“ – das deutet doch eher auf zweiteres hin, oder?

Ist das jetzt eine Drohbotschaft?

Will uns Jesus Angst machen?

Vielleicht hilft es uns weiter, anzuschauen, zu wem Jesus diese Worte sagt.

Und: Was Jesus noch alles sagt.

Es reicht keineswegs, mit Jesus gut bekannt zu sein – mit ihm gegessen und getrunken zu haben. Äußerlichkeiten spielen eine Rolle.

Das deutet darauf hin: Da fragt wer, der sich fromm fühlt, die jüdischen Gebote hält, sich für auserwählt hält, sich anstrengt – und eine Art Bestätigung hören will: ja, solche wie du – da gibt es eh nicht viele, denn die breite Masse schafft das nicht, …

Einer, der selbstgerecht auf die anderen herabschaut, die Zöllner und Sünder, die Heiden …einer, der genau weiß, wie die sich wohl gefälligst zu verhalten haben, damit sie ein Gott wohlgefälliges Leben führen …

Wir haben das auch bei uns:

Du musst: die Mundkommunion, knien bei der Wandlung, jeden Tag de Rosenkranz beten … unhinterfragt die Formen und Bräuche einer bestimmten Zeitepoche, des 19. Jh., für immer und ewig einzementieren, beibehalten …

Menschen, die voller Eifer dem Rest der Menschheit zeigen zu müssen glauben, wo es langgeht, denn wir haben ja recht, wir sind die nächsten Verwandten Gottes …

Machtmissbrauch ist das im geistlichen Sinn: du musst glauben und tun was ich sage, leben, wie ich es vorschreibe, damit du Gott gefällst, dazugehörst, ein guter Katholik bist …

Zu dem Sagt Jesus: Nein, so nicht. Bemüh dich du mit allen Kräften – hör niemals auf – oder fang wieder an, nach Gottes Willen zu fragen – und der sieht unter Umständen anders aus, als ihr in eurer Engstirnigkeit und Selbstgerechtigkeit für möglich haltet!

Es werden viele schon vor euch zu Gott gelangen, ihr werdet euch wundern, wer aller da dabei sein wird …

Jetzt kenne ich in meinem Bekanntenkreis kaum wen, der so ist.

Möchte Jesus uns auch etwas sagen?

Vielleicht: Es ist nicht „eh alles wurscht“ … Es macht Sinn, dahinter zu sein – auch im religiösen Leben. Sein Gewissen zu bilden, danach zu handeln, sich anzustrengen …

Im feuchtfröhlichen Lied geht der Text übrigens weiter: Wir kommen in den Himmel, weil wir so brav sind – das sieht sogar Petrus ein, …“

Nein, ich glaub im Gegenteil, der gute Petrus, gerade er, sieht das ganz und gar nicht ein. Er war nämlich einer, der in seinem Leben sich vehement für das eingesetzt hat, was er jeweils für richtig erkannt hat. Ihm war sicher nichts wurscht. Er hat sich engagiert, viel gemacht und dabei viele Fehler gemacht, und er hat daraus gelernt.

Ich habe bereits einmal von dem Spruch erzählt, den mein Großvater im Büro in der BH St. Pölten aufgehängt gehabt hat:

Wer arbeitet, macht Fehler.

Wer viel arbeitet, macht viele Fehler.

Wer wenig arbeitet, macht wenig Fehler.

Wer wenig Fehler macht, wird befördert.

Wer keine Fehler macht …                             ist ein fauler Hund.

Menschliche ängstliche Denkweise ist: Nur ja keine Fehler machen!

Wir werden nicht n den Himmel kommen, weil wir so „brav“ sind. Es ist hier nämlich nicht die alte mittelhochdeutsche Bedeutung gemeint, wo brav tapfer, tüchtig, engagiert, mutig meint.

In den Himmel kommt, wer Mut zum Fehlermachen bewiesen hat und weiter bereit ist dazu – sich und anderen Fehler zuzugestehen.

Wer glaubt, in den Himmel kommen zu können, sobald er/sie keine Fehler mehr hat, wird nicht hineinkommen. Ganz einfach, weil dieser Fall nie eintreten wird…

Aber: Wir können üben, uns auf die Denkweise Gottes einzustellen. Wir können üben und lernen, uns beschenken zu lassen – und anderen gegenüber großzügig zu sein.

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Kirche soll doch versöhnlich sein, Frieden stiftend wirken – oder etwa nicht?

Vielleicht müssten wir zuerst einmal definieren, was Frieden überhaupt ist. Ein Zustand, wo jeder hat, was er/sie braucht, und in dem Gerechtigkeit herrscht – alle gleich berechtigt sind, die Menschenrechte Geltung haben; mit freundschaftlichem Interesse der einzelnen aneinander, gegenseitiger Achtung und Hilfsbereitschaft. Und wo niemand Angst zu haben braucht vor irgendwelchen feindlichen Aktivitäten oder sonstigen Bedrohungen.

Was ist Frieden nicht?

Wenn einer um des lieben Friedens willen den Mund hält, die eigene Meinung nicht sagt, jedes Mal nachgibt, gute Miene zum bösen Spiel macht, Unterschiede oder Unterschwelligkeiten nicht wahrhaben will, wo es Anpassung um jeden Preis gibt, oder Nivellierung – der kleinste gemeinsame Nenner, wo auf das eigene nicht mehr geachtet wird, Oberflächlichkeit, Vereinnahmung … oder wo vieles wurscht wird, wo mans so laufen lässt und sich nicht einmischt.

Im religiösen Bereich, aber auch in dem politischer und gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten gibt es diese Verwechslung bei uns oft. Es ist „in“.

Es ist unsere Aufgabe als Christen, nicht alles ungefragt mitzumachen, was allgemein üblich ist.

Was Jesus da ausspricht, war in seiner damaligen Umgebung, Gesellschaft sensationell – unerhört.

Die Familie war im Judentum – und ist es noch – das Um und Auf. Nichts geht über die „Mizpoche“. Sippschaft. Wer da herausgefallen ist, war buchstäblich aufgeschmissen. Jesus lebt selber etwas anderes vor. Er selber hat die Verwandtschaft verlassen und auch seine Jünger.

Die frohe Botschaft heute ist auch, die Familie ist nicht das Wichtigste und nicht die letzte Autorität im Leben. Auch der nächste und liebste Verwandte darf nicht Gottes Stelle einnehmen, um den sich alles dreht, dessen Meinung man fraglos hinnimmt.

Achtung – das ist auch eine feministische Botschaft!

Wir sind als Menschen an sich unglaublich wertvoll, einzigartig, selbst verantwortlich, frei, Kosmopolitinnen…

Göttin stellt eine neue Ordnung her oder besser: macht auf die eigentliche Grund-Ordnung wieder aufmerksam. Jesus ist mit dem, was er sagt, heute wieder einmal unglaublich modern!

„Der schläft in der Pendeluhr!“

Sie kennen wahrscheinlich das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein. Das kleinste überlebt, weil es der böse Wolf in der großen Standuhr, wo es sogar einschläft, nicht finden und fressen kann, und rettet darauf seine Geschwister.

Was im Märchen positiv gemeint ist, drückt in der Redensart Kritik aus: Kritik an der Haltung, die sich irgendwo seelenruhig zurückzieht und dabei gar nicht mehr mitbekommt, was sich außerhalb, in der wirklichen Welt, tut.

Das Geschehen geht spurlos an dem vorbei, der „in der Pendeluhr schläft“.

Die Frage, die das Evangelium heute an uns stellt: Sind wir, oder doch manche Mitglieder der Kirche, der Amtskirche und auch viele gute Christen, nicht manchmal in der Gefahr, in der Pendeluhr einzuschlafen? In der Vergangenheit haben sich immer wieder kirchliche Kreise und Gruppen zurückgezogen, in die Innerlichkeit, in ein katholisches Milieu… in die heimelige Atmosphäre einer Pfarrgemeinde, … auch gegenwärtig ist das immer wieder einmal wo zu beobachten. Abkapselung von der Welt – oft große Glaubenskraft, die wir auch bewundern, aber doch wirken solche quietistisch angehauchte Menschen etwas seltsam auf uns.

Religion ist Privatsache – diese Meinung ist immer wieder zu hören.

Es kann sein, dass irgendeine Glaubenshaltung privat sein kann – christlich ist diese Einstellung jedenfalls nicht.

Und Jesus sagt uns ganz etwas anderes:

Die Ernte ist groß.

Zur Zeit der Abfassung des Evangeliums war das Endgericht gemeint, das man für die baldige Zukunft erwartete, für das die ersten Christen möglichst schnell viele Menschen für Gott gewinnen zu sollen glaubten.

Aber es stimmt auch für unsere Zeit, dass der Hunger und Durst der Menschen gewaltig ist – nach Gotteserfahrung, nach heilem, gelungenem Leben, nach Orten, wo mystische Erfahrung gemacht werden und Gottes Nähe und gute menschliche Gemeinschaft gespürt werden kann.

Unzählige wenden sich Angeboten der New Age-Szene zu: Meditation, verschiedene Heilmethoden, Gebetsformen, antike Kultformen, alles was irgendwie einen mystischen oder geheimnisvollen Klang hat, wird ausprobiert und zieht viele an.

Wir sollten angesichts dieser Tatsache nicht schimpfen oder verzagt sein, sondern und freuen, dass viele auf der Suche sind.

Wir sollten uns aber auch nicht verstecken mit dem, was wir Christen in der katholischen Kirche zu bieten haben. Das meiste, was in der spirituellen „Szene“ angepriesen wird, haben wir schon lange und schon längst, gehörte zeitweise und an manchen Orten zur christlichen Lebenskultur…

Ja: Gar nicht wenig haben sich neue religiöse Bewegungen von der Kirche mit ihrer langen und reichen Tradition abgeschaut.

Umgekehrt können wir leicht feststellen: Wo es christliche Angebote gibt, zeigt es sich ganz deutlich, dass suchende Menschen sie gern, ja freudig und begeistert annehmen.

Viele Exerzitien und Glaubenskurse, Bibelwanderwochen sind ausgebucht, ebenso das Gästehaus des Europaklosters bis Dezember…

Fragen wir uns: Weiß die Menschheit, dass wir Christen etwas zu bieten haben?

Ja, viele erwarten nichts Gutes mehr von der Kirche, weil sie im Lauf ihrer Geschichte zu oft wie Wölfe unter die Schafe gekommen ist, bei der Missionierung Lateinamerikas z. B. oder in Australien, wo es auch eher um wirtschaftliche und politische Interessen ging als um echte Bekehrung und wo die Ureinwohner als Menschen mindestens 3. Qualität behandelt wurden und fast ausgerottet mitsamt ihrer Kultur…

Aber jetzt und bei uns ist Kirche ganz normal und von Herrschaftsanspruch kann keine Rede sein.

Also: Wissen die Menschen, die in unserem Stadtteil leben, dass in unserer Pfarre das Heil zu finden ist? Wissen unsere Nachbarn, Arbeitskollegen und Vereinsfreunde…, dass Gott selber, Jesus Christus bei mir anzutreffen ist, weil er jeden glaubenden getauften Christen als Bruder begleitet?

Ist diese wunderbare Wirklichkeit uns anzumerken?

Predigt                                     1. 6. 2025

Liebe Schwestern und Brüder!

„Dass alle eins sind“ – Einer der größten Wünsche, die Jesus in den Evangelien äußert.

Was ist denn damit gemeint? Einheit. Einheitlichkeit? Wenn alle das gleiche denken und glauben? Dieselbe Meinung haben? Gleich ausschauen?

In China hat man das versucht: Einheitskleidung, Mao-Outfit. Egal ob Manderl oder Weiberl. Optischer Ausdruck einer sogenannten Einheitspartei, zu der jeder ausnahmslos gehören musste. Die katholische Kirche in einer gewissen Ausrichtung hat das auch … die Puritaner in England …Iran zur Zeit von Khomeini, Saudiarabien. Diktaturen haben die Tendenz, alle gleichzuschalten. Wer besonders oder anders ist, ist gefährlich.

Bei diesen Ansätzen handelt es sich aber nicht um Einheit, sondern um Gleichförmigkeit.

Englischer Rasen. Lauter identische Grashalme in derselben Länge – und sonst nichts.

Ich persönlich freue mich mehr über eine bunte Blumenwiese: Das ist Einheit – unzählige unterschiedliche Pflanzen bilden etwas Schönes.

Feuerwehrleute beispielsweise kennen das ganz genau, was Einheit ist.

Bei einem Einsatz helfen alle zusammen.

Und zwar ganz bestimmt nicht so, dass jede/r der Beteiligten dasselbe tut: Es wäre extrem störend, wenn alle exakt denselben Handgriff tätigen würden!

Die Einheit besteht im gemeinsamen Ziel, das es mit vereinten Kräften zu erreichen gilt. Und das gelingt umso besser, je effektiver jeder einzelne seine/ihre individuelle lang geübte Aufgabe wahrnimmt. Nur am je eigenen Platz. Dann läuft alles wie am Schnürchen, bis es heißt: Brand aus.

Ganz ähnlich meint es Jesus.

Er will uns nicht „katholisch machen“ – alle nicken und beten und keine/r rührt sich und muckt auf.

In jeder Familie, in der Kirche, bei jeder Organisation und in Betrieben geht es dann vorwärts, können Ziele erreicht werden, je besser die einzelnen ihre Fähigkeiten und ihre Persönlichkeit entfalten und einbringen. Einmütig. Mit demselben Ziel vor Augen.

Ich verstehe gut, wieso Jesus sich diese Einmütigkeit so dringend wünscht.

Wenn nur alle, die sich Christen nennen, in allen Konfessionen, Staaten, Völkern, … sich vereint um die gro0en Ziele dieser Welt mühen würden: Frieden. Klimagerechtigkeit. Ende von Hunger und Not. Wasser und Medizin für alle.

Uneinigkeit, Streit, Hass, Neid und Unrecht sind die großen Bremser, die das gute Leben aller verhindern.

Wenn alle Menschen, die diesen Planeten bewohnen, gemeinsam handeln würden, vergleichbar mit unserer Feuerwehr: Es wäre gar nicht anders möglich, als dass es gelingt.

Gott segne und helfe uns in Zukunft dabei.