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Frauenfeindlichkeit hat ihren Ursprung in der Bibel…?

Nein, umgekehrt! Allerdings haben verschiedene Texte und Aussagen, die in der Bibel stehen, bereits existierende Frauenabwertung religiös untermauert, quasi legitimiert.

Die Bücher des Alten und Neuen Testaments sind in einem Umfeld entstanden, das durch eine strenge patriarchale Kultur und Gesellschaft geprägt war.

Menschen haben die Erfahrungen, die sie spirituell gemacht haben und die ihre Gemeinschaft, i. e. das Volk Israel, mit JHWH gemacht hat, schriftlich festgehalten und für die Nachwelt auch interpretiert. Die Texte sind NICHT wortwörtlich von höheren Mächten diktiert worden, sondern von gläubigen menschlichen Autoren (ich spare mir hier das „-innen“, weil es sich fast ausschließlich um Männer gehandelt haben dürfte) nach bestem Wissen und Gewissen, auf der Höhe der damaligen Erkenntnis, Wissenschaft und Traditionen – aber nicht darüber hinaus -, und in der besten Absicht verfasst worden.

Die katholische Theologie hat den von Thomas von Aquin formulierten Grundsatz: „Die Gnade baut auf der Natur auf“ – d. h., Menschen können von der Wirklichkeit Gottes/der Göttin usw. nur so viel erfassen, wie weit ihr Verständnis und ihre Auffassungsgabe reicht. – Mit anderen Worten: In ein Schnapsgläschen geht kein ganzer Liter…

Dass – und wie sehr v. a. aus der göttlichen Perspektive – in der Bibel durchgehend Frauen und Männer als gleichwertig beschrieben werden, ist angesichts der damaligen Gesellschaftsformen beachtlich. Viele Textabschnitte sind sozusagen ihrer Zeit voraus gewesen.

Ab morgen bekommt ihr dazu verschiedene Beispiele!

Vor ein paar Jahren haben mir Bekannte in Lunz am See, wo ich bis Mai dieses Jahres ein Haus hatte, eine für sie verstörende Begebenheit erzählt:

Der Bischof war in diesem bezaubernden Bergdorf in den niederösterreichischen Alpen, und MitarbeiterInnen der Pfarre berichteten ihm begeistert, worauf sie in ihrer Gemeinde stolz waren. Offenbar ein Fehler; scharf wies er sie zurecht: Stolz sei eine schwere Sünde und habe im kirchlichen Bereich nichts verloren, sie sollten sich quasi schämen …

Ich war entsetzt und dachte mir (und habe es meinen Bekannten auch so gesagt😊):

Da hat der gute Mann etwas verwechselt – und seinen eigenen blinden Fleck nicht gesehen.

Es gibt zwei Arten von Stolz.

Selbstverständlich dürfen und sollen wir stolz sein auf unsere Leistungen, Einsichten, auf das, was wir gelernt und erworben haben usw. usf. Es ist gut und richtig, die eigenen Vorzüge nicht zu verstecken; Selbstbewusstsein, das Bewusstsein des eigenen Wertes und der eigenen Würde, ist gesund und erstrebenswert. Außerdem brauchen Menschen Vorbilder, denen sie nacheifern können.

Diese Art von gesundem Stolz kann kippen: in eine ungute Überheblichkeit, die sich besser vorkommt als Mitmenschen mit anderer Überzeugung, anderem Lebensentwurf, anderer Herkunft, anderem Aussehen, anderer Religion … Diese „anderen“ werden dann schnell abgewertet, von oben herab behandelt, vielleicht sogar offen verachtet.

Genau diese 2. Art, die Überheblichkeit, kritisiert Jesus auch im Text, der heute im katholischen Sonntagsevangelium für den Gottesdienst vorgesehen ist. „Wir, die Guten – die dort, die Schlechten“ – eine derartige Sichtweise verhindert eine heilsame Spiritualität. Es geht dann nur mehr um die Erfüllung von Normen und Geboten, nicht mehr um die Beziehung zur liebenden, menschenfreundlichen Gottheit. Klar begegnet dieser abschreckende Stolz in der Kirche und in Religionen ständig, und das hilft keinem.

Und weil JHWH will, dass es uns gut geht, dass wir glücklich sind, bekommen wir den Hinweis: He, so bitte nicht!

Möglicherweise flüchten Menschen in die Überheblichkeit, wenn ihnen der gesunde Stolz lange und gründlich aberzogen wird. Möglicherweise handelt es sich um eine „Sünde“, die in patriarchalen Gesellschaften besonders gute Entwicklungschancen hat; eher eine Sünde von Männern, weniger von Frauen…

Wie geht es euch mit dieser Sicht? Möchtet ihr eure Erfahrungen mit gesundem Stolz und unangenehmer Überheblichkeit teilen?

M

Als Frau zur eigenen femininen Spiritualität finden – frei von einengenden, krankmachenden oder frauenfeindlichen Dogmen und Traditionen…

Den Ursprung entdecken, patriarchale Verdrehungen auflösen, Wissen sammeln und Praktiken lernen, die gut tun und wirklich etwas bewirken…

Denn: Wir sind so viel mehr …

Merkt euch gern schon die Termine vor:

Samstag, 1. 11. 2025: Allerheiligen/Allerseelen – Samhain – Hallow‘een

Sonntag, 21. 12. 2025: Wintersonnenwende – Rauhnächte – Weihnachten

Montag, 2. 2. 2026: Lichtmess – Imbolc

Montag, 23. 3. 2026: Frühjahrs-Tagundnachtgleiche – Ostara

Donnerstag, 30. 4. 2026: Walpurgisnacht

Montag, 22. 6. 2026: Sommersonnenwende – Mittsommer

Samstag, 15. 8. 2026: Hoher Frauentag – Mariä Himmelfahrt

Online via Zoom, Dauer jeweils 19.00 – ca. 20.30

Anmeldung bis spätestens zwei Tage zuvor 12.00

Kosten pro Abend: 50,-

Bei Buchung aller 7 Ritualabende bis 20. Oktober 2025 Bonuspreis: 300,-

Wie gewohnt erwarten euch jedesmal: Wissenswertes und aus feministischer Sicht Relevantes aus Religions- und Kulturgeschichte zur jeweiligen Festzeit, kreative und meditative Übungen, spirituelle Texte, Austauschrunde, Ritual

Literatur zur Feministischen Theologie

Florin, Christiane: Der Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen. München 2017.

Francia, Luisa: frauenkraft, frauenweisheit. Mit Freude den eigenen Weg gehen. München 2014.

Gössmann, Elisabeth: Geburtsfehler: weiblich. Lebenserinnerungen einer katholischen Theologin. München 2003,

Göttner-Abendroth, Heide: Die Göttin. Das Matriarchat.

Göttner-Abendroth, Heide: Die tanzende Göttin.

Göttner-Abendroth, Heide: Mythologische Landschaft Deutschland.

González, Jasmin: Wir sind die Töchter der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet. Berlin/Wien 2021.

Hagenschneider, Maria: Es reicht jetzt! Frauen in der katholischen Kirche stehen auf. Ostfildern 2020.

Heyward, Carter: Und sie rührte sein Kleid an. Eine feministische Theologie der Beziehung. Stuttgart 1986.

Langsdorf, Antonia: Lilith. Die Weisheit der ungezähmten Frau. Überarbeitete Neuaflage München 2018.

Kohler-Spiegel, Helga/Schachl-Raber, Ursula: Wut und Mut. Feministisches Materialbuch für Religionsunterricht und Gemeindearbeit. München 1991.

Kristof, Nicholas D., WuDunn, Cherl: Die Hälfte des Himmels. Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen. Originalausgabe New York 2002. Dt. Ausgabe: München 2010.

Mollenkott, Virginia R.: Gott eine Frau? Vergessene Gottesbilder der Bibel. München 1985.

Moltmann-Wendel, Elisabeth: Das Land, wo Milch und Honig fließt. Perspektiven einer feministischen Theologie. Gütersloh 1985.

Moltmann-Wendel, Elisabeth: Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus. Gütersloh 1985.

Moltmann-Wendel, Elisabeth: Wenn Gott und Körper sich begegnen. Feministische Perspektiven zur Leiblichkeit. Gütersloh 1989.

Mulack, Christa: Im Anfang war die Weisheit.

Mulack, Christa: Der veruntreute Jesus.

Mulack, Christa: Maria, die heimliche Göttin im Christentum.

Mulack, Christa: Maria Magdalena. Apostelin der Apostel.

Pinkola Estés, Clarissa: Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. 29. Aufl. der überarb. U. erw. Ausgabe, München 1991.

Prieler-Woldan, Maria: Das Konzil und die Frauen. Pionierinnen für Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche. Hg. Von der Frauenkommission der Diözese Linz. Lin 2013.

Radford Ruether, Rosemary: Gaia & Gott. Eine ökofeministische Theologie zur Heilung der Erde. Luzern 1994. Titel der amerikanischen Originalausgabe: Gaia and God. An Ecofeminist Theology of Earth Healing. New York 1992. Aus dem Englischen üs. v. Veronika Merz.

Raming, Ida; Jansen, Gertrud; Müller, Iris; Neuendorff, Mechthilde (Hg.): Zur Priesterin berufen. Gott sieht nicht auf das Geschlecht. Zeugnisse römisch-katholischer Frauen. Wien/München 1998.

Rumpel, Kristina Marita: Die Kraft des Weiblichen. Der Schlüssel für Frau und Mann in eine lebensbejahende Welt. Murnau a. Staffelsee 2016.

Scherzberg, Lucia: Grundkurs Feministische Theologie. 1995.

Schüssler-Fiorenza, Elisabeth: Kongress der Frauen. Religion, Frauen und kyriarchale Macht. Üs. v. Christine Schaumberger. Berlin 2023.(= Internationale Forschungen in Feministischer Theologie und Religion. Befreiende Perspektiven. Bd. 10).

Schüssler-Fiorenza, Elisabeth:         weitere Werke:

  • Zu ihrem Gedächtnis… Eine feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge. München-Mainz 1988.
  • Brot statt Steine. Die Herausforderung einer feministischen Interpretation der Bibel. Freiburg/Schweiz 1988.
  • Frauenkirche – eine Exodusgemeinschaft. Luzern 1990.
  • Grenzen überschreiten. Der theoretische Anspruch feministischer Theologie. Münster 2004.
  • Gerecht ist das Wort der Weisheit. Historisch-politische Kontexte feministischer Bibelinterpretation. Luzern 2008.
  • WeisheitsWege. Eine Einführung in feministische Bibelinterpretation. Stuttgart 2005.

Sommer, Norbert (Hg.): Nennt uns nicht Brüder! Frauen in der Kirche durchbrechen das Schweigen. Stuttgart 1985.

Wörterbuch der Feministischen Theologie, Hg.: Elisabeth Gössmann, Helga Kuhlmann, Elisabeth Moltmann-Wendel u. a.,2., vollst. Überarbeitete und grundlegend erweiterte Aufl. Gütersloh 2002.

Romane:

Fitzgerald, Bea: Girl, Goddess, Queen. Mein Name ist Persephone. München 2023. Aus dem Englischen von Inka Marter. Originalausgabe: London 2023.

Marmery, Nikki: Mein Name ist Lilith. Frankfurt/Main 2024. Aus dem Englischen üs. v. Sabine Herting. Englische Originalausgabe London 2023.

Webadressen:

Österreichisches Frauenforum Feministische Theologie (ÖFFTh):

www.feministisch.at

DI Dr.in Uli Feichtinger: www.weripower.at

Wildmohnfrau /Renate Fuchs-Haberl): www.wildmohnfrau.at

Schule der Kostbarkeiten (MMag. Dagmar Ruhm): www.kostbarleben.jetzt

Facebookgruppe „GöttInnen in Ausbildung“: www.facebook.com/groups/goettinneninausbildung/ – an Sonn- und Feiertagen eine Live-Kurzpredigt und vieles mehr

Wer am Donnerstag, 31. 10., beim Onlineritual „Allerheiligen – Halloween – Samhain“ dabei sein will, schickt am besten sofort oder bis spätestens morgen, 30. 10., 12.00 ein Mail an: dagmar.ruhm@kostbarleben.jetzt

Infos auf der Landingpage: https://humorspiritualitaetcoach.my.canva.site/allerheiligen-hallow-een-samhain

Die Teilnahme ist gratis!

U

Beitrag und Übung für Samstag, 26. 10. 2024

Deine Erfahrungen

Was wir oft und vor allem regelmäßig erleben, prägt sich in unser Unterbewusstsein ein. Und zwar ob wir wollen oder nicht.

Ist dir folgendes schon einmal passiert: Du beginnst mit einem neuen Hobby, sagen wir mit dem Fotografieren. Alle paar Jahre hast du etwas begonnen, was dir wirklich Freude gemacht hat, was dich interessiert hat – Aquarellmalen, Klavierspielen, Chorgesang, Langlaufen, das Thema „Bier“ …

Jedesmal hast du zwei bis drei Kurse oder Veranstaltungen besucht – und nach einem oder zwei oder auch drei Jahren wusstest du nicht einmal mehr, dass du dieses Hobby einmal hattest.

Allerdings: Dein Unbewusstes hat sich etwas gemerkt, nämlich: Dass du es nicht schaffst, eine Sache durchzuhalten. Dass es auf dieser Welt nichts gibt, wofür sich der Einsatz lohnt, weil es ja offenbar egal ist (du lebst ganz gut ohne diese Sache …)

Das ist schade und traurig: Denn sobald du wieder – möglicherweise wider Erwarten – etwas findest, das dich und deine Aufmerksamkeit zu fesseln vermag, wird deine innere Kontrollinstanz das Vergnügen, den Einsatz, … nach einiger Zeit beenden. Ganz ohne dein Zutun, ohne dass es einer bewussten Entscheidung deinerseits bedarf.

Deine bewusste Entscheidung wäre gefordert, um das Neue weiter zu betreiben und mehr oder weniger gute „Ausreden“, Stopper, auszubremsen – als da wären: „keine zeit“, „in meinem Alter passt das noch nicht oder nicht mehr“, dafür bin ich nicht sportlich genug“, „was würden die Leute sagen“, „das ist zu kindisch“, …

Wenn du beruflich damit zu tun hast, Veranstaltungen zu organisieren, einzuladen, in irgendeiner Form Auftritte zu haben, kann die Erfahrung von kaum oder wenig besuchten Events ähnlich wirken. „Hoffentlich kommen diesmal nicht wieder so wenige“ „das interessiert eh keinen“ usw. werden zu selbsterfüllenden Prophezeiungen.

Erfolg, Freude, interessante Lebenserfahrungen, neue Freunde, eine glückliche Paarbeziehung, rauschende Feste mit begeisterten Gästen … das alles scheint UNVEREINBAR mit deinen Erfahrungen, mit dem Gewohnten, mit deiner Prägung.

Dabei kann alles ganz anders sein!

Wie?

Dein Unbewusstes unterscheidet nicht zwischen tatsächlichen Ereignissen und denen, die du dir vorstellst.

Nimm dir mehrmals am Tag die Zeit, dir den Event mit zahlreichen Teilnehmern vorzustellen – plastisch und lebensecht auszumalen. Oder die glückliche Liebesbeziehung. Oder wie du das Hobby begeistert ausübst. Oder … oder … oder.

Mindestens dreimal am Tag, am besten immer zur gleichen Uhrzeit, mehrere Wochen hindurch.

Fang gleich heute, jetzt sofort, damit an!

Vergiss, was nicht geklappt hat. Vorbei ist vorbei.

Und unternimm natürlich konkrete Schritte zur Verwirklichung … du wirst ohnehin Lust dazu bekommen!

U

Beitrag und Übung für Freitag, 25. 10. 2024

Religiöse Tabus

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Spiritualität ist eine der wertvollsten oder sogar die grundlegende Haltung der Menschen.

Religionen haben immer die Tendenz, Absolutheitsansprüche zu stellen.

Da wird erklärt, es ist z. B. unvereinbar mit dem Christentum, schamanische Reisen zu unternehmen, Yoga zu praktizieren, an Gottesdiensten anderer Weltreligionen teilzunehmen (oder als KatholikIn beim evangelischen Abendmahl …), alternative Heilmethoden anzuwenden, Astrologie in Anspruch zu nehmen usw. usf.

Kleingeistige ängstliche Menschen wollen andere auf ihr Niveau herunteriehen – um die eigene Enge und Strenge zu legitimieren vielleicht – oder um geistliche Macht auszuüben, i. e. religiöse Follower zu generieren (für sich selbst, versteht sich, nicht etwas für die Religion oder den Religionsgründer)

Wenn euch etwas anspricht, probiert es aus. Ihr werdet es merken, wenn es nicht u euch passt, wenn es nicht heilsam wirkt.

Daneben gibt es aber noch die innerreligiösen Tabus, die mit dem Glauben an sich absolut nichts u tun haben, sondern fixe, tradierte Vorstellungen sind, die quasi religiösen Status erlangt haben und als absolut gelten.

Beispiele:

  • Eine Frau, die gerade menstruiert, ist  – religiös, kultisch – unrein
  • Sex ist unheilig, irgendwie „schmutzig“
  • Verschiedene Speisevorschriften (kein Fleisch, kein Schweinefleisch, kein Alkohol… neuere Biofreaks haben das ebenfalls: kein Zucker, kein Kaffee, …)
  • Zwischen Weihnachten und Dreikönig keine Wäsche aufhängen
  • Während der Periode keine Mayonnaise machen, keinen Kuchen backen, keine Marmelade einkochen …
  • Im Advent und in der Fastenzeit nicht tanzen
  • Frauen müssen ein Kopftuch tragen
  • Keine Bluttransfusionen

Ihr seht schon: Bei vielem handelt es sich um reinen Aberglauben…

(vor dem Geburtstag darf man nicht gratulieren; der Bräutigam darf das Brautkleid nicht vor der Hochzeit sehen; …)

Wenn ihr die Evangelien aufmerksam lest, werdet ihr schnell draufkommen: Jesus haben solche Dinge massiv gestört. Er hat sich gegen Unsinniges gewehrt, nicht mitgemacht – und sein Handeln erklärt. Am Sabbat z. B. war Berufsarbeit absolut verboten. Das Heilen eines Arztes, das Behandeln eines Patienten zählte dazu. Die „Strenggläubigen“ haben Jesus verurteilt, weil er Kranke und Behinderte am Sabbat heilte…

Unser neuzeitlicher Kommentar dazu würde wohl lauten. „Hallo, Leute, geht’s noch?“

Die heutige Übung:

Nimm dir ein paar Minuten Zeit und notiere spontan alles, was dir in diesem Bereich während deines Lebens schon begegnet ist.

Welche „Gebote“ befolgst du, die dich einschränken, unglücklich machen, deine Ängstlichkeit verstärken …?

Versuche, einen Tag lang eines diese Tabus zu ignorieren und so zu leben, als gäbe es das nicht.

Wenn es mehrere sind: Nimm dir in ca. einer Woche wieder einen Tag, an dem du lebst, als gäbe es das 2- Tabu nicht …

Und so weiter …

U

5. Seminartag, 23. 10. 2024

Standesdünkel

Gibt es heutzutage nicht mehr … Leider doch.

Er schaut nur anders aus als vielleicht vor 50 oder 100 Jahren.

Deine Herkunftsfamilie gehörte einer bestimmten Gesellschaftsschicht an. Es kann sein, dass du ähnliches erlebt hast wie ich:

Als Schulkind freundete ich mich mit einer Mitschülerin an, die mich auch bald zu sich nach Hause einlud. Natürlich fragte ich meine Mutter, ob ich am übernächsten Nachmittag zu Astrid gehen dürfe – außerdem musste ich nach dem Weg fragen, in dieser Wohngegend war ich nämlich noch nie gewesen. Meine Mutter hatte etwas dagegen. „Nein wirklich, muss das sein?“ meinte sie, mittelstark entsetzt. Die Familie von Astrid wohnte in einer Gegend, wo nach Meinung meiner Mutter „anständige Bürger nicht hingehen“.

Allerdings: Meine Mama kannte mich gut genug, um es mir nicht ausdrücklich zu verbieten. Der Nachmittag war lustig, ich lernte neue Spiele kennen. Das WC war am Gang, Bad innerhalb der Wohnung gab es keines, auch kein fließendes Wasser. Substandardwohnung nannte man das damals.

Du merkst es wahrscheinlich gar nicht: Aber es gibt Menschen, mit denen du von dir aus nicht sprichst. Du hältst es für so normal, dass du nicht weiter darüber nachdenkst.

Es kann auch sein, dass du VertreterInnen einer bestimmten Weltanschauung oder Religion links liegen lässt. Du hast kein Bedürfnis, sie näher kennenzulernen, auch wenn sie deine KollegInnen, MitstudentInnen, Vereinsmitglieder etc. sind.

Solche Einteilungen können sein:

ArbeiterIn

AkademikerIn

Alternativ

Ländliches Milieu

Gehobenes Milieu (LeserInnen der „Presse“, Friseurfrisur, V-Pullover, Anzug, Krawatte, Kostüm, Kleid …)

„Halbstarke“ (Tätowierung, Piercing, schwarz gekleidet, schwerer Schmuck, Motorrad …)

Biedermeier (Häuschen, Vorgarten, 40Stunden-Woche, Wochenende grillen, nur private Interessen)

Abgesandelt (ungepflegt, ohne feste Lebens- oder Tagesstruktur)

Naturfreaks

Extrem reich

Alter Adel (den es laut Gesetz nicht mehr gibt)

Migranten, denen man dies ansieht

Ich habe jetzt 12 Möglichkeiten, Menschen einzuteilen, aufgezählt. Es dürfte mehr geben …

D. h., wenn du einer dieser Gruppen angehörst und von vornherein ausschließt, mit den weiteren Gruppen etwas zu tun zu haben, nimmst du dir 11 Möglichkeiten, wunderbare Menschen, FreundInnen, GesprächspartnerInnen, HelferInnen, … kennenzulernen – und von ihnen zu lernen, wie das Leben sonst noch gelebt werden kann, wie jemand auf

Arten glücklich werden kann, die du – leider – niemals in Erfahrung bringen wirst…

Die heutige Übung: Denk darüber 5 Minuten nach.

Dann: Such dir eine Person aus einer dir fernstehenden Bevölkerungsgruppe (mit der du bisher freiwillig nie etwas zu tun hattest) und komme mit ihr ins Gespräch, schließ Bekanntschaft …!

Übung für Montag, 21. 10.

UNVEREINBAR  Tag 3

Geschlechterzuschreibungen

Wenn du eine Frau bist, hast du vermutliche immer wieder einmal Sätze gesagt bekommen wie:

  • Dräng dich nicht so in den Vordergrund
  • Lach nicht so laut
  • Sei zurückhaltend, bescheiden
  • Eigenlob stinkt
  • Die Klügere gibt nach
  • Deine Familie, Kinder, Ehemann … haben Vorrang
  • Du bist nicht die Hauptperson
  • Wer glaubst du, dass du bist?
  • Pass nur auf, dass du nie mehr verdienst als dein Mann
  • Als Mädchen/Frau gehört essich nicht, zornig u werden
  • Männer vertragen keine Chefin
  • Du musst beim Sex unerfahren sein/tun
  • Als Jungfrau in die Ehe gehen
  • Du solltest in der Nacht (im Dunkeln) nicht allein unterwegs sein
  • Bloß nicht u hoch hinaus wollen …
  • Während der Periode keine besonderen Gerichte kochen (weil sie misslingen)
  • Deine Periode dürfen Außenstehende nicht mitbekommen

Wenn du ein Mann bist, sind dir ziemlich sicher ebenfalls Zuschreibungen um die Ohren geflogen – allerdings andere und zumeist solche, die deinen Selbstwert nicht erheblich gestört haben … dennoch ist es nicht ok, wenn Menschen derartiges ernst nehmen:

  • Ein Mann weint nicht
  • Indianer kennen keinen Schmerz
  • Nur ja keine Gefühle zeigen
  • Du musst dich durchsetzen, das  Sagen haben
  • Oberstes Ziel: Karriere machen

Vielleicht durftest du dich im Fasching nicht als weibliche Figur verkleiden (da haben es Mädchen umgekehrt tatsächlich leichter), wurdest ausgelacht, als du mit den Puppen deiner Schwester spieltest usw.

Die Übung für den heutigen Tag:

Denke eine Zeitlang nach, wie es dir mit den Geschlechtertabus ergangen ist bisher. Und dann:

Mach etwas, das dir immer ausgeredet wurde, als Frau etwas, das „eine Frau sicher nicht macht“, und als Mann etwas, das für „echte Kerle“ verpönt ist, absolut undenkbar…

Gestern und vielleicht auch vorgestern seid ihr immer wieder mit Gedankenmustern konfrontiert worden, die euch davon abhielten, eure Wünsche u verwirklichen.

Das, WAS NICHT GEHT (angeblich; aber als Kind konntest du das nicht wissen, du hast deinen wichtigsten Bezugspersonen blind vertraut), starre Traditionen, fixe Vorstellungen, Mindset … , all das wird in der Regel in frühester Kindheit zugrundegelegt. Noch dazu mit der besten Absicht der Eltern oder sonstiger Erziehender.

Heute lade ich dich zu folgender Übung ein:

Forsche nach der ersten, frühesten Erinnerung in deinem Leben, als dir etwas verboten wurde. Wir sprechen hier nicht über Themen der Hygiene oder des guten Benehmens bzw. Verträglichen Verhaltens anderen Menschen gegenüber. Vielmehr geht es um Sinnloses, über gesellschaftlich gewachsene oder traditionell gedankenlos weitergegebene Zwänge, wie z. B.:

  • Mädchen dürfen nicht pfeifen
  • Buben spielen nicht mit Puppen
  • Buben weinen nicht
  • Mädchen werden nicht zornig
  • Lautes Lachen ist verpönt
  • Der Einschaltknopf an Radio oder Fernseher oder das Telefon waren tabu
  • Man berührt sich nicht „da unten“
  • Man oder eher: frau trägt keine bunten, schon gar keine roten Schuhe
  • (zu) auffällige Kleidung ist unerwünscht
  •  … oder du wurdest angehalten, mit bestimmten Personen nicht zu sprechen, keinen Umgang zu haben
  • … oder
  • … oder

Du wirst etwas finden, vermutlich sogar zwei oder mehr Dinge.

Es kann gut sein, dass du erst während deiner Jugendjahre oder noch später, z. B. in der Familie der Ehepartnerin/des Ehepartners auf vergleichbare Vorstellungen gestoßen bist. Dass von dir stillschweigend oder vehement gefordert wurde, mitzuspielen im Reigen der engstirnigen Verhaltensweisen … 

Schreib alles auf, was dir einfällt.

Wenn Tränen kommen oder Zorn dich packt: gut so! Lass es nur zu!

Nimm dir Zeit für deine Gefühle.

Und: Versuche, so ehrlich und vollständig wie möglich zu sein.

Für diese Übung am ersten wirklichen Tag der Reihe wünsche ich dir Kraft und Mut.