Liebe Brüder und Schwestern!

 

Wie geht es uns denn mit dem Warten?

Mir nicht so gut. Ich bin ein ziemlich ungeduldiger Mensch. Auf der Mongoleireise im Jahr 2010 haben wir 20 Reiseteilnehmer/innen oft gewartet – zuletzt 12 Stunden statt 10 auf dem Moskauer Flughafen. Aber wir wussten den Zeitpunkt, wann die Maschine starten wird, auch wenn er verschoben war – und irgendwann, um 3.00 nachts, waren wir dann auch zu Hause.

Wir warteten nicht ins Leere hinein wie z. B. im Stück Jean Paul Sartre „Warten auf Godot“, wo die 2 Landstreicher keine Ahnung haben, wer Godot ist und warum sie warten sollen.

Viele Menschen warten in ihrem Leben: auf bessere Zeiten, auf anderes Wetter, auf die nächsten Wahlen, auf das Ende der Schulausbildung, auf den Urlaub, auf den Beginn des neuen Arbeitsverhältnisses, auf einen Besuch, darauf, dass sie einen Partner, eine Partnerin kennenlernen, dass sie eine bessere Stelle erhalten, eine Gehaltserhöhung bekommen, wieder einen Job finden, dass sie gesund werden, dass sie in Pension gehen können, dass sie Schulden abbezahlt haben werden …

Und viele warten da ins Leere hinein – ohne Vorstellung davon, was sie dann machen wollen, was dann tatsächlich besser würde. Es ist nicht sicher, wann es so weit sein wird. Zermürbend, geist- und sinnlos. So ein Warten kann einen krank machen.

 

Es gibt aber eine zweite Art des Wartens, und diese unterscheidet sich grundlegend von der ersten.

 

Ich stehe an einer Kreuzung vor der roten Ampel – und bin bereit, jederzeit loszugehen oder loszufahren, sobald sie auf Grün umschaltet.

Oder umgekehrt: Ich fahre und bin bereit sofort stehenzubleiben, wenn ich zu einer roten Ampel komme oder ein Kind auf die Straße läuft …

Ich sitze beim Arzt oder auf einer Behörde und bin bereit, sobald ich aufgerufen bin, weil ich an die Reihe komme, unverzüglich aufzustehen und mich ins Sprechzimmer zu begeben – zu tun, wozu ich eben gekommen bin.

Rettungs- oder Feuerwehrleute, Ärzte und Seelsorger/innen in Bereitschaft stehen bereit, im Notfall so schnell wie möglich ihre Tätigkeit, was sie gelernt haben, auszuüben.

Ist 100 und eins, oder?

 

Jesus möchte uns heute im Evangelium Mut machen zum Warten. Allerdings zu einem Warten, das heil und froh macht, das einen Sinn hat – zum Warten der 2. Art – seid bereit, legt den Gürtel nicht ab und lasst die Lampen brennen!

Wir engagierten Christen haben meistens das Problem, dass vieles an Gutem nicht gelingt. Oder zumindest keinen dauerhaften Erfolg und Bestand hat.

Wir bemühen uns und strampeln und rudern, damit die Gottesdienste ansprechend sind je nach Feiergemeinde, für Alte und Junge, Kinder, Jugendliche …– Texte, Musik, Symbole, Handlungen, Raumgestaltung – aber viele gehen nicht in die Kirche.

Wir zeigen, wie Notleidenden, Armen, Kranken, ungerecht Behandelten, Gestrandeten, Heimatlosen, Zerstrittenen, Schuldig gewordenen, Gestressten … geholfen werden kann – aber viele nehmen die Angebote der Pfarren und kirchlichen Einrichtungen gar nicht in Anspruch. Und trotz aller Bemühungen geschieht weiter Unrecht, Gewalt, es herrscht Unfrieden und Krieg, Gleichgültigkeit gegenüber der Natur und Umweltzerstörung, gegenüber Mitmenschen …

Geld verdienen um jeden Preis, Machterhalt statt Wahrheit und Anstand, Hass statt Menschenfreundlichkeit, Zeit totschlagen mit Vergnügen und Konsum statt sinnerfüllte Tätigkeit, Nachdenken, Lernen und echte Erholung …Das Recht des Stärkeren, das propagiert wird, Egoismus … und die Behinderungen, die sich die Kirchenleitung noch dazu einfallen lässt, Richtlinien, die entmutigen –

es scheint, also ob die lebensfeindlichen Mächte überhand nehmen in dieser Welt … als ob das Evangelium zum Scheitern verurteilt wäre, das Wirken sämtlicher Christen vergebens …

Das war schon damals so, zur Zeit Jesu, zur Zeit der ersten Jüngergemeinden.

Es bestand und besteht in der Tat die Gefahr zu verzweifeln. Aufzugeben, alles hinzuschmeißen. Hat eh keinen Sinn. Die Wiederkunft des Herrn hat sich damals nicht ereignet, als man sie täglich und stündlich erwartet hat.

Jesus weiß, dass es den Seinen so geht.

Und er sagt: Seid bereit.

Er sagt nicht: Wartets geduldig. Passives Geschehen lassen dessen, was kommt – nein. Aktiv sollen wir sein. In dem, was wir tun: Nächstenliebe. Die Knechte sollen beschäftigt sein, wenn Jesus kommt. Glauben wie Abraham, meint der Hebräerbrief (Lesung).

Die Lage kann sich jederzeit ändern. JEDERZEIT. Abraham hat eine Reihe widersinniger Taten gesetzt: wo es nichts mehr zu holen und zu tun gibt, am Ende des Lebens, setzt sich der Senior nicht zur Ruhe, sondern bricht auf, macht sich auf die beschwerliche Reise. Vom Haus ins Zelt. Als Nomade glaubt er an das Finden des Landes, des festen Wohnsitzes. An die Geburt des Sohnes, obwohl nach menschlichem Ermessen – beide über 70 – na ja da geht nichts mehr. Und dann diesen Sohn, den Verheißenen, den Hoffnungsträger, wieder herzugeben. Ein Leben von Moment zu Moment aus der Gnade Gottes.

 

Um dieses Glauben und Vertrauen geht es: Es gibt noch eine andere Wirklichkeit als die des menschlich Machbaren und Vorhersehbaren. Ja, mehr: Diese andere Wirklichkeit ist die, die zählt, auf die es ankommt, die Bestand haben wird. Und: Sie kann jederzeit eintreten.

Gott ist über unsere Logik und Kausalzusammenhänge, über Naturgesetze, über Zeitläufe, Kirchengesetze, unsere Beschränktheit im Hoffen und Erwarten … erhaben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.