Von Mönchen und Übersetzern

„Liebe Brüder…“ – wie kam es dazu?

Im antiken Griechisch lautet die Mehrzahl, wenn Frauen und Männer, in unserem Fall „Brüder“ und „Schwestern“ (die damals übliche Bezeichnung der Christen oder JesusjüngerInnen untereinander) gemeint sind, immer „adelphoi“ mit grammatikalisch männlicher Endung „-oi“. Die korrekte Übersetzung lautet „Geschwister“ oder auch „Schwestern und Brüder“. Im Deutschen ist es umgekehrt, „Geschwister“ (der Anklang an die weibliche Form „Schwestern“ ist deutlich) meint auch die „Brüder“ mit.

Wie kam es nun zur Fehlübersetzung „Brüder“?

Die Heilige Schrift wurde vor allem in Männerklöstern immer wieder abgeschrieben und im Gottesdienst verwendet; auch wissenschaftliche Theologie wurde lange Zeit ausschließlich von Männern betrieben. Diese waren in den allermeisten Fällen Ordensangehörige. Als solche sahen und erlebten sie beinahe ihr ganzes Leben hindurch ausschließlich andere Männer – Klosterbrüder, Äbte = Väter usw.

Das an sich neutrale „adelphoi“ wurde aufgrund seiner grammatikalisch männlichen Endung mit „fratres“ (Brüder) wiedergegeben…

Es gab bereits unvollständige Übersetzungen, die (kirchlich illegal) im Umlauf waren, als Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte; das Alte Testament aus dem Hebräischen, das Neue Testament aus dem Griechischen und aus der lateinischen Vulgata; in dieser stand – aus eben genannten Gründen – bereits „fratres“ (Brüder), denn „sorores“ (Schwestern) war ein ganz anderer Wortstamm …

Auch Luther war ursprünglich Mönch. Er war Theologe, er war Mann – in seiner speziellen Zeit und in der damaligen Situation. Natürlich übersetzte er „Adelphoi“ mit „Brüder“… und erst recht „fratres“.

Die theologische Forschung (und nicht nur sie; man hätte nur die Paulusbriefe ordentlich zu lesen brauchen) stellte vor einigen Jahrzehnten fest: Paulus schrieb an Gemeinden, die von Frauen geleitet wurden oder in denen Frauen tonangebend waren. In seinen Briefanreden musste er dementsprechend „Geschwister“ gemeint haben, wenn er „adelphoi“ schrieb …

Die seit den 1980er-Jahren übliche Art, als LektorIn beim Vortrag der Lesung „Brüder und Schwestern“ auszusprechen, obwohl im Messlektionar nur „Brüder“ stand, schlug sich in der Neuauflage der Lektionare nieder, die wegen der Neuübersetzung der Einheitsübersetzung notwendig wurde.

Jetzt steht es also offiziell und Schwarz auf Weiß im Messtext …

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