Segnen.

Was genau ist das?

Vielleicht denken wir an Haus- oder Wohnungssegnungen, wo der Pfarrer kommt, an Schiffstaufen oder an besorgte Mütter und Großmütter, die dem Kind vor der Schularbeit oder bei Antritt der Schullandwoche ein Kreuzerl auf die Stirn machen…

Es steckt jedoch viel  mehr dahinter.

Das lateinische Wort dafür lautet „benedicere“. Wörtlich übersetzt: gut reden.

Das Gegenteil wäre, fällt mir spontan ein: schlecht reden.

Man kann etwas „schlechtreden“ – „Damit wirst du bestimmt keinen Erfolg haben.“ „Das ist unprofessionell, was du da machst“. „Dafür fehlt dir die richtige Ausbildung/Erfahrung …“ „Damit sind schon ganz andere gescheitert.“ …

Wie ganz anders hört und fühlt es sich an, wenn jemand sagt:

„Das klingt sehr erfolgversprechend“

„Du machst das mit derart viel Herzblut und großem Einsatz!

„Du bist genau die richtige Person dafür“

„Deine kreativen Ideen zeigen sicher Erfolg!!

„Du schaffst das mit deinem persönlichen einzigartigen Ansatz“

Gegenseitige Rückenstärkung.

Das kann Segen sein.

Segen kann aber noch viel mehr … Das erfahrt ihr morgen!

Horoskope, Astrologie … haben gerade wieder Hochsaison. Zeitschriften bringen schon die „Astrovorschau“ für 2026 oder auch „Wie wird es noch im November“ oder bis Jahresende …

Ganz ehrlich: Jede/r von uns hat schon voller Neugier Horoskope gelesen. Und wir alle kennen unser Sternzeichen und das unserer Lieben.

Es schadet auch nicht, sich ein ausführliches Geburtshoroskop erstellen zu lassen, wenn es hilft, die eigenen Stärken und Talente bewusst zu fördern und einzusetzen.

Trotzdem fallen mir da Worte von Bob Proctor ein, die ich inzwischen ja oft gehört habe: Die Weltlage oder Wirtschaft oder Politik … (und vermutlich sogar die astrologische Prognose) war unwahrscheinlich schlecht – und genau da haben einige Menschen ein Vermögen verdient.

Oder umgekehrt: Ohne TIR – Thinking into Results – nützen wohl auch die allerbeste astrologische Prognose oder das ideale Geburtshoroskop denkbar wenig.

Macht den Versuch: Schreibt euch Tageshoroskope z. B. mit einem Text wie „Heute hast du unglaubliche Chancen auf Erfolg“ oder „Eine Reihe wunderbarer Überraschungen kommt auf Sie zu“ usw. Zieht die Zettel wahllos aus einer Box. Es wird wirken!

Ungefähr so wirken auch Segensworte, -gebete und -rituale. Dazu morgen wieder ein bisschen Theologie!

Haben die Esoteriker und fundamentalistischen Evangelikalen recht, die seit Jahren (2012 war so ein Eckdatum) vom Weltende reden, vom bevorstehenden „Gericht“, weswegen man sich schleunigst bekehren, d. h. sich der entsprechenden Gruppierung anschließen bzw. mittels strahlensicherer Bunker und Vorratshaltung sich auf die weltweit zu erwartende Katastrophe vorbereiten  soll?

Tatsächlich hören wir im Evangelium dieses Sonntags die Prophezeiung eines katastrophalen Endes dieser Welt aus dem Mund Jesu. Was daran ist „Frohe Botschaft“?

Wenn so ziemlich alles, was auf dieser Erde normalerweise Halt und Sinn gibt, mit mehr oder weniger Getöse verschwindet: religiöse (Tempel) und staatliche (Kriege) Ordnung, Grundversorgung (Hunger, Seuchen), Stabilität der Natur (Erdbeben), familiärer Zusammenhalt (Verrat durch Nahestehende), ist das

furchtbar genug.

Wir dürfen nicht vergessen: 1. In weiten Teilen der Erde ist dies bereits Alltag.

2. Es handelt sich bei diesen Dingen, so wichtig sie sind, um Zweitrangiges. Die jetzt sichtbare Wirklichkeit wird nicht auf ewig bestehen.

Erstrangig ist: Jesus kündigt für diese Zeit sein Wiederkommen als Weltenrichter an. Müssen wir uns davor fürchten?

Ein einfacher Vergleich aus der Justiz: Wer fürchtet sich vor der Gerichtsbarkeit: Übertäter/in oder Geschädigte/r?

Leben wir so, dass wir uns freuen können, wenn alles in die gute Ordnung Gottes umgewandelt wird!

Und – wie schaut so ein Leben aus, das im Sinne Gottes geführt wird?

Heute begehen wir den Caritas- oder Elisabethsonntag.

Beim Hören der Lesung hat es uns möglicherweise gerissen – die Formulierung des Paulus: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ -das ist ja quasi der Anti-Slogan der Caritasarbeit. Oder nicht?

In den letzten 2 Jahrzehnten wird ja vermehrt von “Sozialschmarotzern“ gesprochen, die auf Kosten derer leben, die ordentlich und fleißig arbeiten. Und die, die so blöd sind und ihnen helfen, werden als „Gutmenschen“ beschimpft.

So, was jetzt? Können sich Politiker, die einen harten Kurs gegen Arme jeder Art fahren, zu Recht auf Paulus berufen (die christlichen Fundamentalisten in Nord- und Südamerika tun das übrigens)?

Paulus und die ersten Missionare, die Apostel fanden folgende Situation vor:

Menschen, die zu Christen geworden waren, nahmen die Worte z. B. des heutigen Evangeliums im buchstäblichen Sinne todernst. Man erwartete das rasche Wiederkommen Jesu Christi, für die eigene Lebenszeit, für jederzeit, und man wollte sich bereithalten und entsprechend leben.

Eine Reihe von Leuten schlug nun diesen Weg ein, als ob alles sowieso schon egal wäre, dass sie nicht mehr arbeiteten, sondern tatsächlich Tag und Nacht im Tempel waren oder in den Häusern und beteten und predigten, ohne einer Arbeit nachzugehen.

In einer der Städte, wo ich mehrere Jahre als leitende Seelsorgerin gearbeitet habe, bildete sich vor ca. 8 Jahren eine Gebetsgemeinschaft, wo auch einige spätberufene Jugendliche -Menschen um die 30 – plötzlich befanden, ihr Beruf sei zweitrangig, sie gingen jeden Tag in der Früh in die Heilige Messe, an Wochenenden fuhren sie zu Versammlungen oder in Gebetszentren und Seminaren -eine junge Dame hatte einen Bauernhof vom Onkel geerbt und dort  Wohnungen vermietet, die konnte eh gut leben, aber es gab auch Familienväter, die plötzlich so taten, als sei die Wiederkunft Christi bereits hereingebrochen und jede Berufsausübung unwesentlich geworden, oft arbeiteten sie ehrenamtlich in Sozialprojekten – aber als Techniker, Polizist oder Verkäuferin oder Bankangestellte Geld verdienen galt als unschick.

Die Elterngeneration und auch Ehepartner regten sich zu Recht auf und manche Partnerschaft ging kaputt…

Nach mehreren Jahren hat sich das zum Glück wieder normalisiert…

Wir wissen über den Apostel Paulus, dass er von Beruf Zeltmacher war und in Städten, wo er wirkte, immer bei Zeltmachern unterkam und dort im Betrieb mitarbeitete. Gepredigt hat er in der Freizeit, am Abend und am Sabbat.

Was heißt das für uns?

Selbstverständlich lautet die christliche Botschaft: Wir sollen nicht nur sondern müssen uns um Mitmenschen kümmern, die Notleiden. Fundierte Caritasarbeit – und man kann sogar Caritaswissenschaften studieren – bietet wo es geht Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn möglich keine Almosen, sondern Sorge für Gereichtigkeit, fairen Lohn …

Das Ziel muss eine gesunde Gesellschaft sein, wo Menschen grundsätzlich geborgen sind und haben, was sie brauchen. Darum arbeitet qualitativ hochstehende Caritas immer auch sozialpolitisch und meinungsbildend.

Anfeindung von geizigen, selbstsüchtigen Kreisen ist auch Tradition – die Heilige Elisabeth von Thüringen hat da alles Mögliche von ihren Verwandten aushalten müssen.

Christen dürfen wissen: Bei welchem Einsatz immer für das Gute sind wir nicht allein, sondern handeln im Auftrag Gottes und haben ihn auf unserer Seite – und irgendwann wird jede Mühe ein Ende haben, weil diese sichtbare Welt nicht die endgültige ist.

Jedoch: Das göttliche endgültigen Richten, In-Ordnung-Bringen von allem und jedem macht unseren Einsatz für eine bessere Welt keineswegs überflüssig, sondern gibt ihm erst richtig Sinn – weil es schlussendlich Erfolg haben wird.

Ignatius von Loyola (1491-1556), Gründer der Jesuiten und „Erfinder“ der Exerzitien, der geistlichen bzw. spirituellen Übungen im katholischen Bereich, hat eine wunderbare Methode beschrieben, wie wir zu guten Entscheidungen kommen können. Sie ist in der katholischen Theologie als „Unterscheidung der Geister“ bekannt; gemeint ist: Wie können wir die unterschiedlichen Regungen unseres Gemüts, Körpers und Verstandes so wahrnehmen und einordnen, dass wir zur bestmöglichen Entscheidung bzw. Problemlösung kommen?

Ignatius schlägt zuerst vor, sich eine Zeit lang aus dem Alltagsgeschehen zurückzuziehen und sich frei von Stress und ständigen Beeinflussungen durch andere Menschen oder Umgebungsreize mit dem anstehenden Thema zu beschäftigen.

Diese Auszeit kann vier Wochen lang sein aber auch einige Tage – sollte zumindest aber einen Tag dauern.

In dieser Auszeit sind folgende Übungen hilfreich:

Ignatius geht davon aus, dass vor jeder einzelnen Übung gebetet wird wie folgt:

  1. Wenn eine Entscheidung zwischen 2 Optionen ansteht, je auf einem extra Blatt zuerst die Vorteile jeder der beiden aufschreiben, dann jeweils die Nachteile. Dabei soll man sich so realitätsnah wie möglich die Situation nach der getroffenen Entscheidung vorstellen – in allen 4 Varianten.
  2. Danach eine Pause einlegen (Mittagessen, Spaziergang, …)
  3. Aufrichtig bei jedem einzelnen der aufgelisteten Punkte die Fragen stellen (und beantworten): Handelt es sich um den Wunsch oder eine Befürchtung meines Ego? Handelt es sich um etwas, das mir von außen eingeredet wird, um Erwartungen anderer – um allgemeine Sichtweise, um gesellschaftlich Übliches, dem ich glaube entsprechen zu müssen? Kommt es aus meinem tiefsten Inneren, aus dem Gewissen, ..?
  4. Was erscheint mir besonders verlockend?
  5. Was erscheint mir besonders schwierig?
  6. Pause machen
  7. Die Entscheidung treffen.
  8. In der Vorstellung über die getroffene Entscheidung mit dem besten Freund, der besten Freundin sprechen – oder mit Jesus Christus – ev, aufschreiben
  9. Pause machen
  10. Wenn nötig einen oder mehrere Schritte wiederholen …

Entscheidungshilfen:

  1. Sich niemals drängen lassen oder unter Zeitdruck entscheiden (sondern mindestens drüber schlafen)
  2. Der schwerer durchführbare Weg kann der richtige sein; der Weg des geringsten Widerstandes ist nie der richtige
  3. Es gibt immer (viel) mehr Möglichkeiten als nur die zwei, die gerade zur Wahl zu stehen scheinen. Könnte ich auch etwas ganz anderes tun?

Ignatius geht davon aus, dass vor jeder einzelnen Übung gebetet wird. Dieses Gebet ist einzigartig kraftvoll. Ihr findet es morgen.



Sicher erinnert ihr euch an eure Kindheit, als ihr in der Vorweihnachtszeit einen Adventkalender hattet – entweder gekauft mit 24 Türchen oder selbst gebastelt – ich erinnere mich an einen großen mit Jutesäckchen, von denen jede/r, auch die Erwachsenen, reihum täglich eines öffnen durfte. Zum Teil waren Vorschläge drin, wie man jemandem eine Freude machen konnte, und natürlich in manchen auch Süßigkeiten, kleine Gegenstände, Geschichten, Rezepte …

Ja, und möglicherweise hättet ihr gern wieder einmal so einen Adventkalender bei euch.

Ich stelle für heuer gerade einen spirituellen Begleiter durch die Advent- und Weihnachtszeit zusammen, der eben auch die Zeit der Rauhnächte umfasst, die heilige Zeit bis zum 6. Jänner 2026. An diesem Tag wird es zusätzlich online ein Abschlussritual geben.

Wenn ihr Interesse habt, schaut auf meiner Landingpage vorbei. Dort findet ihr genaue Informationen und könnt euch über den Button auch gleich anmelden.

Gestern nahm ich an einem berührenden Konzertabend in der ehemaligen Synagoge in St. Pölten teil. Lieder des Trostes und des Überlebens von jüdischen Autorinnen, Ilse Weber und Elfriede Gerstl, anlässlich des Gedenkens an die Novemberpogrome 1938.

Bei Teilen v. a. bei den Vertonungen von Elfriede Gerstls Texten, handelte es sich um eine weltweite Uraufführung.

Was habt ihr anlässlich des Gedenkens unternommen? Wart ihr bei Feiern, Lesungen, …?

Warum ich als katholische Theologin auch schamanisch arbeite?

Schamanisches Tun ist unglaublich effektiv, umfassend, bereichernd,  hat mein Denken geöffnet und wirkt zugleich entspannend und heilsam.

Besonders ein Seminar, an dem ich 2016 im Stift Schlägl teilnahm, hat mir mehrere Aha-Effekte vermittelt. Einer davon:

Davor war es für mich seltsam, dass es in der katholischen Kirche immer hieß, man solle für die Verstorbenen beten. Ich stellte mir vor: Die sind ja im Bereich Gottes und uns nicht mehr zugänglich, bestens aufgehoben – also was soll das?

Die schamanische Sicht, dass es für Verstorbene gut ist, eine/n Führer/in in die Obere Welt zu haben, weil der Übergang nicht bei allen einfach und problemfrei erfolgt, dass wir von hier aus, aus dem Diesseits also, durchaus etwas beitragen kann zum Wohlbefinden verstorbener Menschen, hat mich – fast möchte ich sagen: – begeistert und mir auch beruflich geholfen.

Im Lauf meines Berufslebens von 2000 an bis heute habe ich hunderte von Begräbnisfeiern gestaltet und abgehalten. Bei den Vorbesprechungen mit den Angehörigen konnte ich mit der neu gewonnenen Sicht und v. a. durch den Hinweis auf den Seelengeleiter wohltuend wirken; zumal das schamanische Verständnis von Tod und Sterben mit dem christlichen erstaunlich vereinbar ist.

Von einer „Hölle“ (der Name stammt von der germanischen Totengöttin Hel, ursprünglich war da bloß „Totenreich“ damit gemeint) wird in der schamanischen Sicht nicht gesprochen. Ich persönlich stelle mir vor: Wenn man in der jenseitigen Welt allen anderen wieder begegnen, wird man sich für so manches persönlich zu verantworten haben, vieles klären und erklären und Abbitte leisten bzw. Vergebung üben…

Wir werden das auch morgen noch einmal sehen, wenn es darum geht, was „Heilige“ eigentlich sind – wir hatten ja vor einer Woche auch Allerheiligen.

Das schamanische Weltbild, das Denken und Spiritualität der Menschen vor der Zeit der Religionen geprägt hatte und unterschwellig bis heute wirksam ist, kennt ebenfalls eine Dreiteilung: eine (nichtalltägliche) Obere, eine (nichtalltägliche) Untere und eine Mittlere Welt, wobei letztere einen alltäglichen Aspekt bzw. Raum (die normale Realität der Menschen) und einen nichtalltäglichen „Raum“ enthält, der mit der Anderswelt der Kelten vergleichbar ist. In alle nichtalltäglichen Welten können schamanische Reisen unternommen werden.

Der unsterbliche Anteil der Menschen benötigt nach dem Tod normalerweise eine bestimmte Zeit (6 Wochen) der Umgewöhnung oder Vorbereitung im nichtalltäglichen Teil der Mittleren Welt, bis er in die Obere Welt gehen und dort bleiben kann.

Es kann vorkommen, v. a. bei einem überraschenden Tod, dass die jeweilige Person nicht bemerkt, dass sie verstorben ist und in einer anderen Dimension weilt; sie kann die Umgebung, das eigene Wohnhaus, die gewohnte Straße, bekannte Menschen usw. sehen und hören und wundert oder ärgert sich, weil sie selbst nicht wahrgenommen wird.

Es kann sein, dass die/der Verstorbene in diesem Fall Aktionen setzt, um wahrgenommen zu werden. Aus schamanischer Sicht ist so etwas wie „Geistern“ denkbar.

Eine der üblichen Aufgaben von SchamanInnen ist es (auf Wunsch der Angehörigen), Verstorbene, die in der Mittleren Welt feststecken oder hängenbleiben, gegebenenfalls zunächst davon zu überzeugen, dass sie verstorben sind, und dann, sie zum Überwechseln in die Obere Welt zu bewegen. Dies geschieht mittels einer schamanischen Reise des Schamanen zu der verstorbenen Person, wo bei diese überzeugt werden muss, dass der gute oder bessere Ort in der Oberen Welt zu finden ist – und entweder selbst als Begleiter/in zur Verfügung zu stehen oder für eine geeignete Begleitung unter den Spirits der Oberen Welt zu sorgen. Dies können bereits früher verstorbene Freunde oder Verwandte der betreuten Person sein oder/und bekannte vertrauenswürdige Persönlichkeiten.

Interessant: In der gesamten Geschichte des Christentums gilt Jesus Christus als dieser Seelenbegleiter, der in den kirchlichen Gebeten für Verstorbene auch als solcher angerufen wird; doch können auch Engel oder Heilige als Führer in den Himmel bzw. ins Jenseits sein.

Euch sind bestimmt die Forschungen von Elisabeth Kübler-Ross bekannt, die zahlreiche Nahtoderfahrungen beschrieben hat; die Sterbenden werden da fast immer durch vertraute Personen in Empfang genommen.

Dass Verstorbene 6 Wochen nach dem Tod noch eher erdverhaftet sind und sich erst danach endgültig verabschieden – diese Vorstellung ist mir immer wieder begegnet. Im Neuen Testament ereignet sich die „Himmelfahrt Jesu“ 40 Tage, also rund 6 Wochen nach der Auferstehung.

Im Schamanischen Weltbild wird so etwas wie eine Hölle nicht erwähnt, Wiedergeburt spielt keine Rolle, wird aber auch nicht ausgeschlossen.

Das schamanische Denken beruht, so wie es aussieht, auf Erfahrungswerten unzähliger Generationen; aus diesem Grund sind Elemente davon in allen Religionen zu finden. Wahres wurde immer wieder von Strenggläubigkeit übertüncht; zum Verschwinden konnte es nicht gebracht werden.

Vergangenen Samstag beim Ritual zu Allerheiligen/Samhain äußerte eine Teilnehmerin: „Also, dieses ganze Gerede in der Kirche von Himmel-Hölle-Fegefeuer zu Allerheiligen und Allerseelen, das kann ich nicht mehr hören, diese Angstmacherei; das wird jetzt wieder ärger als es schon einmal war – wie im Mittelalter!“

Woher kommt diese wahrscheinlich allen bekannte Vorstellung? In der Bibel finden wir sehr wenig; da geht es um den gerechten Ausgleich, um Belohnung für Gutes und Bestrafung für Böses und um die Auferstehung der Toten. Also: woher?

In der griechisch-römischen Antike gab es zwei große Dichtungen, die damals in den besseren Gesellschaftsschichten jeder männliche Jugendliche in der Schule lernen musste: Homers Odyssee und Vergils Aeneis. In beiden Dichtungen unternimmt der Titelheld jeweils eine Reise in die Unterwelt, um dort bestimmte Verstorbene zu treffen und von ihnen Informationen einzuholen. Vergil hat dabei die Schilderung Homers praktisch 1:1 übernommen. Aus meiner schamanischen Erfahrung handelt es sich jeweils um schamanische Reisen unter Führung durch die Seherin Pythia.

Die Unterwelt wird als dreigeteilt beschrieben: Elysium für besonders verdienstvolle Menschen; Tartaros als Bestrafungsort für extreme Verbrecher; neutrales Schattenreich für die „Unauffälligen“, die NormalverbraucherInnen.

Zwei Dinge geschahen:

Die sogenannten Kirchenväter, gebildete Männer wie z. B. Augustinus, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums Theologie entwickelten, kannten aufgrund ihrer römischen Bildungslaufbahn diese Vorstellung, die der Bibel auch nicht widersprach und plausibel klang.

Im Mittelalter verwendete Dante Alighieri die Beschreibung Homers und Vergil, formte sie ein wenig um, „erfand“ das Fegefeuer – und die abendländische Kultur übernahm das Paradigma als theologische Wahrheit.

Früher als jede institutionalisierte Religion prägte das schamanische Weltbild die Spiritualität der Menschen – weltweit. Darüber erfahrt ihr morgen mehr.

Vor ein paar Jahren haben mir Bekannte in Lunz am See, wo ich bis Mai dieses Jahres ein Haus hatte, eine für sie verstörende Begebenheit erzählt:

Der Bischof war in diesem bezaubernden Bergdorf in den niederösterreichischen Alpen, und MitarbeiterInnen der Pfarre berichteten ihm begeistert, worauf sie in ihrer Gemeinde stolz waren. Offenbar ein Fehler; scharf wies er sie zurecht: Stolz sei eine schwere Sünde und habe im kirchlichen Bereich nichts verloren, sie sollten sich quasi schämen …

Ich war entsetzt und dachte mir (und habe es meinen Bekannten auch so gesagt😊):

Da hat der gute Mann etwas verwechselt – und seinen eigenen blinden Fleck nicht gesehen.

Es gibt zwei Arten von Stolz.

Selbstverständlich dürfen und sollen wir stolz sein auf unsere Leistungen, Einsichten, auf das, was wir gelernt und erworben haben usw. usf. Es ist gut und richtig, die eigenen Vorzüge nicht zu verstecken; Selbstbewusstsein, das Bewusstsein des eigenen Wertes und der eigenen Würde, ist gesund und erstrebenswert. Außerdem brauchen Menschen Vorbilder, denen sie nacheifern können.

Diese Art von gesundem Stolz kann kippen: in eine ungute Überheblichkeit, die sich besser vorkommt als Mitmenschen mit anderer Überzeugung, anderem Lebensentwurf, anderer Herkunft, anderem Aussehen, anderer Religion … Diese „anderen“ werden dann schnell abgewertet, von oben herab behandelt, vielleicht sogar offen verachtet.

Genau diese 2. Art, die Überheblichkeit, kritisiert Jesus auch im Text, der heute im katholischen Sonntagsevangelium für den Gottesdienst vorgesehen ist. „Wir, die Guten – die dort, die Schlechten“ – eine derartige Sichtweise verhindert eine heilsame Spiritualität. Es geht dann nur mehr um die Erfüllung von Normen und Geboten, nicht mehr um die Beziehung zur liebenden, menschenfreundlichen Gottheit. Klar begegnet dieser abschreckende Stolz in der Kirche und in Religionen ständig, und das hilft keinem.

Und weil JHWH will, dass es uns gut geht, dass wir glücklich sind, bekommen wir den Hinweis: He, so bitte nicht!

Möglicherweise flüchten Menschen in die Überheblichkeit, wenn ihnen der gesunde Stolz lange und gründlich aberzogen wird. Möglicherweise handelt es sich um eine „Sünde“, die in patriarchalen Gesellschaften besonders gute Entwicklungschancen hat; eher eine Sünde von Männern, weniger von Frauen…

Wie geht es euch mit dieser Sicht? Möchtet ihr eure Erfahrungen mit gesundem Stolz und unangenehmer Überheblichkeit teilen?