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Erfahrung …

© Alois Stockhammer | stockhammers.info

Einst lebten einige Frösche in einem kleinen Brunnen am Rande eines alten Dorfes, das schon lange von den Menschen verlassen war. Tagaus, tagein lebten sie innerhalb dieser engen Mauern, doch beschwerten sie sich nicht, weil sie ja gar nichts anderes kannten. „Es ist einfach so“, sagten sie, „das hier ist unsere Welt.“

Tagaus, tagein wanderte die Sonne über den Himmel, und zur Mittagszeit fielen ein paar warme Sonnenstrahlen in das stehende Wasser. Die Frösche beachteten dies nicht weiter.

 

Eine junge Fröschin war jedoch unter ihnen, die sich schon lange wunderte, woher die Sonne kam und wohin sie ging, wenn sie nicht mehr über dem Brunnen war. „Es muss doch noch etwas anderes geben als dieses enge Gefängnis“, dachte sie.

 

Sie sprach mit den anderen Fröschen darüber, aber die wollten lieber ihre Ruhe haben. Manche lachten sie aus und meinten: „Das sind Träume, die nichts bringen. Außer diesem Brunnen existiert nichts.“

 

In der Morgendämmerung, als alle noch schliefen, machte sie sich auf den Weg, um nach der Heimat der Sonne zu suchen. Es war nicht leicht, den Brunnenrand zu überwinden – aber mit einiger Mühe schaffte sie es auf den Brunnenrand.

Voller Staunen betrachtete sie, was es alles gab.

Dann hüpfte sie des Weges.

Nach vielen Tagen, an denen sie manchmal beinahe verhungert, verdurstet oder gefressen worden wäre oder vor Erschöpfung nicht mehr weiterkonnte, sah sie ein seltsames Glitzern in der Ferne.

Dorthin wollte sie, und kurz vor Mittag, als die Sonne schon ganz oben am Himmel stand, da sah sie es vor sich – das Meer. Wasser, so weit sie sehen konnte.

Sie hüpfte und freute sich. Und so kam ihr plötzlich der Gedanke: „Das muss ich den anderen Fröschen sagen. Ich darf das nicht einfach für mich behalten. Sie alle können frei sein und diese Herrlichkeit und Schönheit und Grenzenlosigkeit des Ozeans erleben und erfahren.“ Und so hüpfte sie zurück zu dem alten Brunnen, um die gute Nachricht zu verbreiten.

 

„Frösche!“, rief sie. „Ich war da draußen und dort gibt es ein riesiges Wasser. Es ist wunderschön und unendlich, ohne Mauern, ohne Anfang und Ende.“

 

Und wie bei den Menschen, wenn jemand etwas verkündet, das den normalen Horizont übersteigt, gab es drei Arten von Fröschen: Die einen, die nichts davon hören wollten. Andere, die zwar vielleicht gerne wollten, sich aber nicht trauten, denn es war ja doch alles so ungewiss und anstrengend.

Und die dritten, die sich, in einer der folgenden Nächte, wagemutig auf den Weg machten. Aber das waren sehr wenige.

 

Als der menschenverlassene Brunnen kurze Zeit später vollständig austrocknete, waren sie die einzigen, die am Leben blieben.

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27. April 2019
Schlagworte: Brunnen, Frösche, Horizont, Leben, Meer
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