Predigt
4. Advent 2019
Liebe
Brüder und Schwestern, liebe Kinder!
„Träume
sind Schäume“, sagt der Volksmund. Stimmt das?
Dahinter
steckt die gleiche Geisteshaltung, die Blumen in einem Garten für überflüssig
hält…
Die
großen spirituell Begabten der Menschheitsgeschichte aller Religionen und die
moderne Wissenschaft sagen etwas anderes.
Die
Psychologie weiß: In den Traumphasen während des Schlafes regeneriert sich das
Gehirn, erholt sich die Seele: Erfahrungen des Tages – und von denen verdanken
wir 70 % dem Unterbewusstsein, wir nehmen viel mehr wahr, als das
Wachbewusstsein mitbekommt, werden geordnet zu einem Ganzen, aber so, dass oft
ein neues Muster entsteht – oft spüren wir nach einem guten Traum plötzlich
ganz genau, was wir zu tun haben.
Viele
glaubende Menschen haben die Erfahrung gemacht: Gott spricht zu uns mit Hilfe
der Träume.
Bei
Exerzitien wird immer nach den Träumen gefragt, sie sind wichtig für die
geistliche Erfahrung.
Und
dann gibt es noch die anderen Träume, die wir so nennen: die großen mutigen
Entwürfe der Menschheit, Visionen, Ideen, die oft lang im Verborgenen wirken
und sich entfalten, bis sie sichtbar und für viele, die so etwas bislang für
unmöglich gehalten haben, überraschend ans Licht kommen.
Von
beiden Arten zu träumen spricht heute das Evangelium zu uns, gibt es eine gute
Nachricht Gottes an uns.
Es
wird von einem Traum Josefs berichtet.
Josef
hatte zuvor einen Traum für sein Leben, der soeben zerbrochen war: Bei den
Römern gearbeitet monatelang, tüchtige Zimmerleute wurden gebraucht beim Aufbau
der Stadt Sephoris und anderswo, gutes Geld ließ sich da verdienen, und dann
baue ich mir eine eigene Werkstatt auf in Nazareth, mit Maria zusammen, über
ein Jahr sind wir schon verlobt, es wird Zeit für die Hochzeit, wie ich mich
freue …
Geplatzt
wie eine Seifenblase – als er heimkommt, ist Maria sichtlich schwanger. Aus der
Traum. Was soll er tun? Alles kurz und klein schlagen vor Wut? Maria vor
Gericht bringen? Sich betrinken? Mit einem Freund drüber reden? Beten? Oder
alles nacheinander? Er kommt zum Schluss: Je eher ich von hier fortgehe,
diesmal für immer, desto besser … Und während Josefs Gedanken und Gefühle noch
rotieren, fällt er in einen unruhigen Schlaf.
Und
in diesem Moment, in dem er seinen Lebenstraum verloren gibt, gerät er an einen
anderen, größeren Traum: Gottes Lebensentwurf ist anders und schöner – du hast
dich in Maria nicht getäuscht, verbringe dein Leben mit ihr, sie erwartet
Gottes Kind, sei diesem Kleinen ein guter Vater, sei für ihn da, erziehe ihn,
lehre ihn zu vertrauen, gib ihm Sicherheit…
Gott
träumt – von großherzigen, liebenden, vertrauenden, tatkräftigen Menschen, die
die Welt ein Stück besser hinterlassen, als sie sie vorgefunden haben.
Gott
träumt von und hofft auf Menschen wie Josef – die hinausschauen über die
engstirnigen Vorstellungen der jeweiligen Zeit und über den eigenen Tellerrand.
Mit
solchen Menschen kann die Wüste blühen.
Wovon
träumt Gott heute?
Wieviele
Träume Gottes sind in der Geschichte schon Wirklichkeit geworden?
Lange
Zeit galt es als unvorstellbar, dass alle Menschen frei geboren sind und die
gleiche Würde und die gleichen Rechte haben.
Dass
nicht jede Geburt ein Risiko auf Leben und Tod darstellt oder dass man einen Blinddarm-
oder Lungenentzündung im allgemeinen überlebt.
Dass
alle Kinder zur Schule gehen.
Dass
in unserem Land niemand erfriert oder verhungert.
Dass
Menschen ihre Regierung selber wählen und bilden und nicht den Launen einzelner
Familien oder Monarchen ausgeliefert sind.
Dass
man den ganzen Planeten bereisen kann.
Dass
Frieden herrscht – zumindest zwischen Deutschland und Frankreich. Zwischen
Frankreich und England. Zwischen England und Amerika. Zwischen Österreich und
Italien.
Da
fällt uns auch sofort ein, wo die Träume Gottes noch auf Verwirklichung warten.
Die Wüste blüht noch nicht überall, weil Menschen es vorziehen Leben zu
zerstören statt zu ermöglichen …
Wovon
träumen wir? Wovon träumst du?
Dass
ein Streit aufhört, Versöhnung möglich ist? Dass jemand gesund wird? Dass die
neue zusammengewürfelte Familie hält, endlich Geborgenheit und Glück
vermittelt? Dass es nach 3 schlechten Erfahrungen einmal eine gute gibt? Einen
sicheren Arbeitsplatz? Mehr Freude und Erfolg in der Schule? Verlässliche
Freunde?
Dass
die Natur nicht weiter vergiftet und zerstört wird? Friede zwischen allen
Völkern und Menschen dieser Erde?
Dass
alle spüren können: Gott liebt uns und ist immer da?
Wir
sind eingeladen zu träumen. Gottes Möglichkeiten zu sehen, so tief zu glauben
und so unkonventionell zu handeln und so praktisch zu lieben wie Josef es getan
hat.